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Die drei P – Puszta, Paprika und Politik|Ungarn

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by Martin Hofmann, Mai ’14

Seit 2010 verfügt die ungarische Regierungspartei FIDESZ über eine 2/3-Mehrheit der Stimmen im Parlament. Auf dieser Grundlage werden seitdem in hohem Tempo Reformen in den unterschiedlichsten politischen und gesellschaftlichen Beriechen beschlossen und durchgeführt. Während die Anhänger dieser Politik die Entwicklungen unterstützen, wird vor allem in der Zivilgesellschaft, Kunst- und Kulturkreisen wird vor einem damit einhergehenden Abbau von Demokratie, Plauralität und Freiheit gewarnt.
Doch was bekommt man im Ausland, zum Beispiel in Deutschland, davon mit? Welche Motive prägen das Ungarnbild? Welchen Blick haben Auslandsungarn und politische Institutionen auf die Entwicklungen im Land?

Subjektive Beobachtungen vom Besuch eines Vortragsabends:

Eine deutsche Universitätsstadt an einem Abend im März 2014 unter der Woche: Der Saal ist recht gut gefüllt, auf den Köpfen dominiert das Silbergrau der Best-Ager. Der Deutsch-Ungarische Freundeskreis hat zu einem Vortragsabend geladen. In der Stadt und im Umkreis leben zahlreiche Heimatvertriebene und deren Nachfahren, aber auch Flüchtlinge und Dissidenten, die nach 1956 in den Westen geflohen sind. Die Straßennamen in manchen Vierteln lassen es noch erkennen: Donau-, Fünfkirchener, Prinz-Eugen-, Maria-Theresia-, und die Theißstraße liegen beieinander. Eine Horthystraße gibt es nicht.

Am Rednerpult steht ein wichtiger Herr von der EU-Kommission, oder war er doch vom Parlament? Das Thema ist auf jeden Fall spannend: Die Situation in Ungarn vor den Parlaments- und Europawahlen. Oder war es doch…? Nein, es stimmt. So ist das Thema angekündigt, Tag, Ort, Uhrzeit, alles stimmt. Aber warum redet der Herr, der sich so gut auskennt nur von den drei P? – Puszta, Paprika und Piroska. An die denkt man zugegebenermaßen ja oft und gern. Ach ja, und Sissi darf natürlich auch nicht fehlen und die Ungarn können sich noch so emotional über ihre Nation freuen und der Freiheitskampf. Freiheit, dieser urungarische Traum!

Wir haben nun die Freiheit für Rückfragen. Einige der jüngeren Zuhörer nehmen sie sich.

  • Wie ist das denn nun mit den Wahlen?
  • Alles kein Problem.
  • Und die Rechtsradikalen von Jobbik?
  • Deren Potential wird allgemein überschätzt.

Eine junge Doktorandin steht auf, selbst Ungarin. Die neuesten Prognosen würden für Jobbik doch bis zu 20% voraussagen. Der europäische Experte ist da überfragt.

  • Und wie ist das mit den Minderheitenwahllisten, für die man sich registrieren lassen muss und damit die freie Zweitstimme verliert?

Der Redner findet das ganz großartig, so sei die Vertretung im Parlament doch gesichert! (Mittlerweilse hat sich herausgestellt, dass keine Minderheit das Quorum für einen Parlamentssitz erreicht hat.) Verwunderung steigt auf, im benachbarten Rumänien klappt das ganz gut auch ohne Registrierung. Alle können auch für die Minderheitenvertretung ihre Stimme geben und sowieso ist für die automatisch ein Parlamentssitz…

  • Ach so, die verschiedenen Modalitäten, wie im Ausland lebende Ungarn abstimmen können? Briefwahl ist natürlich möglich, also in bestimmten Fällen. Wenn also, … Ja, das ist ein weites Feld, weit wie die Puszta, und alles recht neu und da…

… ist nun auch der Experte etwas überfordert. Silbergraue Herren mit ungarisch offenen Vokalen beginnen einen Privatdisput mit der Doktorandin. Der Herr von der EU ist immer noch nicht ganz orientiert, blättert aber weiter fleißig in seinen Unterlagen von dieser einen Stiftung.

Die Fragen gehen nun zunehmend von den jungen Leuten zu der jungen Doktorandin.

  • Arbeitnehmer?
  • Wandern aus.
  • Studenten?
  • Wandern mit Hilfe von Agenturen aus.

Die Herren mit den offenen Vokalen bestürmen mit rotem Kopf die Doktorandin. Sie verbreite Propaganda und Falschinformationen. Sie lebten zwar schon lange hier, würden die Presse und die Medien in der alten Heimat aber selbstverständlich noch verfolgen. (Dürfen die eigentlich noch oder wieder wählen?) In Ungarn wird nun endlich alles besser und sowieso.

  • Donnerwetter! Nach so vielen Jahren die Sprache immer noch nicht vergessen?

Ein Herr mit Bart und lokalen Vokalen lenkt geschickt vom Thema ab. Puszta, Paprika und Plattensee, die anderen drei P.

Die Versammlung löst sich langsam auf und die Leiterin, mit nicht ganz so offenen Vokalen, bedankt sich in kleiner Runde bei der Doktorandin. Solche Stimmen sollte man öfter hören.

Ich träume von drei neuen P:  Puszta, Paprika und Politik!

Creative Commons Lizenzvertrag
Die drei P – Puszta, Paprika und Politik von Martin Hofmann (MitOst e.V.) ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

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