Beyond the News

A MitOst Blog

Reisebericht Odessa Teil 2|Ukraine

2 Comments

by Oleksandra Bienert, Mai ’14
“PRAVO. Berlin Group for Human Rights in Ukraine”/”Euromaidan Wache Berlin”
Redaktion: Elmar Schulte.

Odessa:
In Odessa waren nach Angaben von Euromaidan-Organisatoren vor Ort mehr als die Hälfte der Bewohner der Stadt gegen den Maidan in Kiew. Als es dann später im Februar um die Thematik “Ukraine gegen Putin” ging, hat sich die Lage etwas geändert: es gibt jetzt eine deutliche Mehrheit in Odessa, die die pro-russische Stimmungen nicht unterstützt, obwohl es diese in der Tat gibt. Wenn der Antimaidan am Anfang der Maidan-Proteste noch teilweise bezahlt war, hat sich das ebenso geändert: 80-90% der Antimaidan-Befürworter in Odessa heute kommen aus Odessa und sind von ihrer Haltung überzeugt. Die Regierung in Kiew sollte eine eigene Sprache für den Osten finden. Dem Osten sollten konkrete Angebote gemacht werden, auch wenn es um die Einführung einer zweiten regionalen Sprache geht.

Gewerkschaftshaus_Odessa

Brand im Gewerkschaftshaus, die Ereignisse vom zweiten Mai:
Das Gewerkschaftsgebäude selbst, in dem der Brand stattfand, ist abgeriegelt, weil es als Beweisstück gilt. Es sind Blumen in manchen Fenstern zu sehen, die Fenster in der zweiten Etage sind mit Metall verdeckt. An einer der Seite des Gebäudes ist weiterhin eine Mensa (“Gewerkschaftsmensa”) geöffnet, ebenso wie eine Bank auf der frontalen Seite des Gebäudes. Das Haus trägt kaum sichtbare Spuren von dem Brand. Auf der hinteren Seite des Gebäudes – da, wo die Maidan-Demonstranten nicht waren – sind sogar mehr Brandspuren zu sehen. Wenn man die Ereignisse nach mehreren Gesprächen mit Aktivisten vor Ort zu rekonstruieren versucht, so bekommt man folgendes Bild:

Für den 2. Mai war das Fußballspiel Metalist (Charkiw) gegen Chernomorets (Odessa) angesetzt. Es war bekannt, dass die Fans inklusive Ultras von Metalist aus Charkiw nach Odessa anreisen würden. Das Stadion, in dem das Spiel stattfand, befindet sich in unmittelbarer Nähe des Gewerkschaftshauses und dem Kulikove-Platz. Auf dem Platz befand sich schon seit einigen Monaten das Lager des Antimaidan in Odessa, zu diesem Zeitpunkt standen dort sechs Zelte. Sie waren vielen ein Dorn im Auge, die wollten, dass sie endlich verschwinden. Die Atmosphäre in der Stadt war angespannt. Zwei von diesen Zelten wurden ein paar Tage vor den Ereignissen auf einen anderen Ort, der Gedenkstätte des “Großen Vaterländischen Krieges”, am Stadtrand überführt. 

Antimaidan- Odessa rief über Mitteilungen im Internet dazu auf, die Ultras am zweiten Mai zu überfallen. Da es sich in der Stadt herumgesprochen hatte, dass es zu einem Zusammenstoß zwischen dem Antimaidan und den Ultras aus Charkiw kommen würde, kamen viele Journalisten und Passanten zum Ort des Treffens der Ultras (Sobornaya-Platz) und es sind somit sehr viele Aufnahmen entstanden.
Die Ultras hatten keine Schusswaffen dabei. Die eine Journalistin, mit der ich sprach, die die Ereignisse von der Seite des Antimaidans filmte, berichtete mir von mehreren Aufnahmen, wo man deutlich sieht, dass die örtliche Polizei den Antimaidan unterstützte. Darüber hinaus berief am gleichen Tag der örtliche Polizeichef zwei Stunden vor dem Marsch der Ultras eine Sitzung ein, die mehrere Stunden dauern sollte und bei der alle Polizei-Chefs ihre Handys ausschalten mussten. Die Polizei vor Ort hat – anstatt die Zusammenstöße zu verhindern – zunächst dem Antimaidan geholfen. Es kam zu Schüssen, das erste Opfer starb an der Ecke Deribasovskaya/Preobrazhenskaya. Als die wütende Fanmenge, etwa 1.500 Menschen, nun in Richtung Kulikove-Platz losging, wo die Antimaidan Zelte standen, waren bereits vier Maidan-Anhänger tot.

Ich bin selbst diesen Weg, den die Fans von ihrem Treffpunkt und Ort der ersten Kämpfe zum Gewerkschaftshaus zurücklegten, also von der Grecheskaya-Straße zum Kulikove-Platz, zu Fuß gegangen; er dauert mindestens 40 Minuten. Also mindestens 40 Minuten hatten die Polizisten vor Ort Zeit, um die Menge zu stoppen bzw. einen weiteren Zusammenstoß zu verhindern, was aber nicht geschah. Im Gegenteil, immer mehr Polizisten flüchteten vom Ort des Geschehens. In der Zwischenzeit räumten die Antimaidan-Protestler alles aus ihren Zelten am Kulikove-Platz und brachten es ins Gewerkschaftshaus, dort waren bereits Gasschutzmasken vorbereitet. Ebenso räumten sie ihren Benzingenerator dorthin, nämlich in die zweite Etage des Gewerkschaftshauses. Es war sehr deutlich, dass die Antimaidan-Protestler in der Unterzahl waren und es das Beste für sie gewesen wäre, wegzulaufen, was sie aber nicht gemacht haben. Auf Empfehlung ihrer Anführer gingen sie in das Gewerkschaftsgebäude.

Als die Fan-Menge ankam, blieb in den Zelten ein Mann zurück, der den Fußballfans mit einer Schaufel entgegen trat. Sie jagten ihn fort, ohne ihn zu verletzen. Das Spiel hatte in der Zwischenzeit angefangen. Einige der Fußballfans sind nicht zum Spiel gegangen, andere gingen hin und kamen dann vom Stadion später zum Gewerkschaftsgebäude. Diese Ultras – voller Wut wegen der vier Toten – begannen den Sturm auf das Gewerkschaftshaus. Auf dem Dach des Hauses standen bereits Leute mit Waffen, die angefangen haben zu schießen, so dass es bei den Maidanprotestlern wieder Tote gab. Der Haupteingang des Hauses wurde von innen mit Möbelstücken verbarrikadiert. Die Fußballfans und Antimaidan-Protestler bewarfen sich gegenseitig mit Molotow-Cocktails; aus diesem Grund fingen die große hölzerne Haupttür des Gewerkschaftshauses sowie die Möbelstücke, mit denen sie verbarrikadiert war, Feuer. Nach einiger Zeit explodierte innen in der zweiten Etage der Benzingenerator. Das Feuer breitete sich aber nur in einem relativ geringen Maße aus: Die meisten Zimmer und Möbel sind nicht verbrannt, viele der Menschen sind mit Gasvergiftungen auf dem Boden später tot aufgefunden worden. Es ist unklar, woher das Gas kam. Von den 250 Menschen, die sich im Haus versteckten, sind insgesamt 48 Menschen gestorben. Die meisten wurden von Rettungskräften sowie von Ultras gerettet. Jedoch gab es in der Tat Fälle, wo Menschen, die aus dem Fenster des Hauses sprangen, von der wütenden Menge getötet wurden. Die an diesem Tag 150 festgenommenen Antimaidan-Aktivisten sind alle durch den Einsatz des Generalstaatsanwalts freigelassen worden, 50 Maidan-Protestler sitzen immer noch in Untersuchungshaft. Der stellvertretende Polizeichef, der entlassen wurde, wurde nicht bestraft und ist nach Moldawien geflüchtet. Nach Angaben von manchen Gesprächspartnern haben 300 Antimaidan-Protestler am 18. Mai eine Gedenkdemo zusammengerufen. Später wurde bekannt, dass am 17. Mai anscheinend eine Gruppe festgenommen wurde, die vorhatte am 18. Mai ein Sprengstoffattentat auf dem Platz zu verüben.

Keiner meiner Gesprächspartner in Odessa konnte mir mit Sicherheit sagen, wer an den Ereignissen Schuld ist. Es ist eine Kommission aus zehn Personen eingesetzt worden (sowohl Maidan, als auch Antimaidan und unabhängige Experten sind vertreten), die nun hunderte Stunden von Videoaufnahmen untersuchen.

Reisebericht Odessa, 31.05.2014
Teil 1
Teil 3

Creative Commons Lizenzvertrag
Reisebericht Odessa Teil 2 von Oleksandra Bienert (MitOst e.V.) ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Advertisements

2 thoughts on “Reisebericht Odessa Teil 2|Ukraine

  1. Pingback: Reisebericht Odessa Teil 3|Ukraine | Beyond the News

  2. Pingback: Reisebericht Odessa Teil 1|Ukraine | Beyond the News

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s