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Ein Besuch in Ivano-Frankivsk – Vom Überwinden realer und imaginärer Grenzen |Ukraine

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ein Artikel von Sergei Shalamov, übersetzt aus dem Russischen von Christina Schmitz
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Vor fast einem Jahr traf der MitOst-Vorstand die wichtige Entscheidung, das 13. Internationale MitOst-Festival in Ivano-Frankivsk im Westen der Ukraine zu veranstalten. Diese zugleich wichtige und schwierige Entscheidung passt dabei gut zu den politischen und sozialen Realitäten der neuen Welt, in der wir seit eineinhalb Jahren leben. Für uns war und ist es noch immer eine Einladung zu einem bewussten und lebhaften Dialog, basierend auf gegenseitigem Respekt und mit dem Ziel, zu reflektieren und Lösungen für alte und neue Herausforderungen zu finden. Wir wollen somit auch aktiv einen Beitrag zur Reduzierung der gesellschaftlichen Spaltung und hin zu einer friedlichen Lösung leisten.

Der MitOst-Vorstand ist offen für einen Dialog über die Entscheidung, das Festival in der Ukraine zu veranstalten. Die Sicherheit der Teilnehmer und des gesamten Festivals ist ein wichtiges Kriterium für die Auswahl der Festival-Stadt. Viele Leiter und Koordinatoren unserer Kooperationsprogramme und von MitOst-Projekten reisen regelmäßig für Seminare und andere Veranstaltungen in die Ukraine. Deshalb können wir mit Gewissheit sagen, dass unsere Wege in der Ukraine gut abgestimmt sein werden. Und um auch die besonders Skeptischen zu überzeugen, habe ich mich dazu entschlossen, an meinem eigenen Beispiel zu zeigen, dass Ängste und Nervosität, geschürt durch Medien und Internet, oftmals unbegründet sind. Sogar russische Männer im Alter zwischen 25 und 60 Jahren können ohne Probleme das Gebiet des Nachbarlandes betreten. Deshalb reiste ich am 6. Juni zum ersten Mal in die Ukraine, um zu sehen, wie das Leben in Ivano-Frankivsk ist, wie es unserem Festival-Team geht und was uns im September erwarten wird.

Was ist das Besondere an Ivano-Frankivsk?
Es ist eine Stadt mit einer 350jährigen Geschichte, eines der Kulturzentren des Landes mit einem reichen historischen Erbe und großem Potential. Die Stadt selber ist nicht besonders groß – sie hat etwa 230 Tausend Einwohner – und sehr gemütlich. Die majestätische Kirche steht Seite an Seite neben einem gigantischen Bürogebäude aus der Sowjet-Zeit und die Straßen sind geprägt von den Epochen des österreichisch-ungarischen Imperiums, der polnischen Republik, der Sowjet Union und der unabhängigen Ukraine. Aber am wichtigsten sind die Menschen, die in Ivano-Frankivsk leben. Drei Tage sind nicht genug, um den Charakter einer Stadt und ihrer Einwohner kennen zu lernen. Aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass die Jugendlichen von Ivano-Frankivsk, die über die kontroverse Situation im Land einfach Witze machen („Ich bin ein banderovka“ = „Ich bin ein Anhänger der Nationalbewegung“), nicht anfällig für politischen Einfluss zu sein scheinen, vielleicht sind sie dafür zu vernünftig. Die jungen Menschen sind weiterhin neugierig, kontaktfreudig und aktiv und haben eine starke Motivation, ihr Land zu verbessern. Ich war stark beeindruckt von den lokalen Unternehmern und öffentlichen Akteuren, die voller Ideen dazu bereit sind in völlig neuen Formaten zu arbeiten, um ihre Stadt, die sie mit Sicherheit lieben, weiter zu entwickeln. Nach dem das so genannte „Permer Kultur-Projekt“ in Russland geschlossen wurde und Kooperationen mit der Regierung, der Gesellschaft und Unternehmern im nicht-staatlichen Bereich der Kultur begrenz wurden, erscheint mir diese Entwicklung in Ivano-Frankivsk wie ein Atemzug frischer Luft und schmerzlicher Nostalgie zugleich (Video über Ivano-Frankivsk).

Was muss man wissen?
Der Besuch des MitOst-Festivals ist sicher, egal welche Nationalität ihr habt oder welche Sprache ihr sprecht. Klar ist, dass die süd-östlichen Gebiete der Ukraine, in denen zur Zeit militärische Auseinandersetzungen statt finden, nicht bereist werden sollten (siehe Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes). Aber in Ivano-Frankivsk und Lviv, genauso wie in vielen anderen Regionen des Landes, leben die Menschen weiterhin ein friedliches Leben. Sie heiraten, lesen Bücher, gehen samstags abends aus, arbeiten unter der Woche etc. und wünschen jedem Gast genau das gleiche. Während meines Aufenthalts habe ich niemals eine negative Haltung mir gegenüber als einem russischen Staatsbürger bemerkt. Man kann problemlos auf Russisch Menschen in den Straßen nach dem Weg fragen, Essen im Restaurant bestellen oder per Anhalter in eine andere Stadt fahren – überhaupt, die Menschen fangen gleich eine Konversation an und merken ohne Passkontrolle vermutlich gar nicht unbedingt, dass man ein Ausländer ist und nicht aus einer der Regionen kommt, in denen die Menschen traditionell mehr Russisch als Ukrainisch sprechen.

Wie verläuft der Grenzübergang?
Im Prinzip gibt es nichts Besonders, nur für Russen gelten einige andere Regeln. Man braucht einen Reisepass, eine Einladung des lokalen Partners von MitOst, aus der der Grund der Reise hervor geht, ein Rückfahrticket und eine Hotelreservierung, eine Krankenversicherung und etwas Bargeld, um die Zahlungsfähigkeit während des Aufenthalts nachzuweisen. Normalerweise müssten Kopien der Dokumente ausreichen, aber sicherheitshalber sollte man lieber die originalen Druckversionen mitführen. Neu ist, dass man ein Interview führen muss, bevor man die Grenze überqueren darf. In meinem Fall haben mich drei nette Grenzbeamte in einem separaten Raum gebeten, alle notwendigen Papiere zu zeigen und fünf Minuten später bekam ich problemlos mein Gepäck.

Wird es keine Probleme geben, wenn man die Grenze auf dem Weg in die Ukraine oder zurück überquert?
Nein. Der Grenzschutz Service der Russischen Föderation in Vnukovo war weder an der Richtung noch am Grund meiner Reise interessiert. Trotz der politischen Schwierigkeiten bleiben unsere Länder in einem engen Kontakt und Staatsbürger beider Länder überqueren weiterhin regelmäßig die Grenze.

Im Namen des MitOst-Vorstands lade ich euch herzlich dazu ein, am 13. Internationalen MitOst-Festival teilzunehmen, das vom 23. bis zum 27. September 2015 statt finden wird. Sehen ist Glauben. Willkommen!
Wenn ihr irgendwelche Fragen habt, eure Geschichte von einer Reise in die Ukraine teilen wollt oder einen Kommentar hinterlassen möchtet, kontaktiert mich via shalamov(at)mitost.org.
In der Flickr-Galerie findet ihr viele Bilder von Ivano-Frankivsk.

lizenzbildEin Besuch in Ivano-Frankivsk – Vom Überwinden realer und imaginärer Grenzen von Sergei Shalamov (MitOst e.V.) ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

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