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“Es ist keine Frage von Zeit oder Geld” – Ein Interview zur Flüchtlingssituation in Ungarn

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Ein Interview mit Éva Tóthné Pfaff geführt von Martin Hofmann, Mitte August 2015

Éva Tóthné Pfaff (59) lebt in Pécs einer Mittelstadt im Süden Ungarns. Pécs liegt etwa 60 Kilometer nördlich von der ungarisch-kroatischen und westlich von der ungarisch-serbischen Grenze. Die ehemalige Controllerin ist mittlerweile im Ruhestand. Sie engagiert sich ehrenamtlich im Vorstand des Vereins kultúrAktív, der sich mit baukultureller Bildung beschäftigt und ein Partner von MitOst ist.

Du bist seit nicht allzu langer Zeit Rentnerin. Wie verbringst du deinen Ruhestand?
Zum einen bin ich viel in unserem Haus beschäftigt. Wir haben einen Garten, den ich sehr mag, und da gibt es immer etwas zu tun. Also Haus- und Gartenarbeit zum einen. Ich mag es aber auch sehr in Gemeinschaft zu sein und etwas zu tun. Zum Beispiel bin ich aktiv im Pécser Lions Club, einer Wohltätigkeitsorganisation. Der Club gehört zu einer weltweiten Bewegung und wir organisieren verschiedene Aktivitäten. In unserem Vereinshaus betreiben wir zum Beispiel eine Unterkunft für Eltern, deren Kinder auf der Onkologie der hiesigen Kinderklinik behandelt werden. Außerdem bieten wir eine Nachmittagsbetreuung für Kinder an.

Was konkret bekommst du in Pécs von den Flüchtlingen auf der sogenannten Westbalkanroute mit?
Pécs liegt ja nicht direkt an der Grenze zu Serbien?
Nein, die Stelle an der serbischen Grenze, die nun immer in den Medien ist, liegt noch einmal 200 Kilometer von uns entfernt. Leider bekommen wir das alles aber auch hier in Pécs mit. Das ist sehr interessant, denn die Flüchtlinge kommen eigentlich über Serbien nach Ungarn und nicht über unsere Ecke, die näher an Kroatien ist. Aber seit einiger Zeit, vielleicht seit anderthalb Monaten, wird ein Teil der Flüchtlinge von Szeged zunächst einmal nach Pécs transportiert. Nach Szeged kommen sie direkt nach dem Grenzübertritt und zur Registrierung dann nach Pécs. Diese Fahrt müssen sie in von außen verschlossenen Waggons verbringen. In Pécs sind sie einige Stunden bis zu einem ganzen Tag. In der Regel kommen sie in den frühen Morgenstunden an und irgendwann gegen Nachmittag fährt der Zug dann weiter. Wenn die Registrierung hier in Pécs durchgeführt wurde, geht es für sie zunächst einmal weiter in Richtung Budapest.

Warst du auch selbst am Bahnhof und kannst die Situation vor Ort beschreiben?
Wie geht es den Menschen dort und was passiert mit ihnen?
Ja, ich war vor Ort. Sie müssen auf dem Platz neben dem Bahnhof mehrere Stunden warten. Die Menschen sitzen dort und warten darauf registriert zu werden. Dies allerdings ohne zu wissen, was nun eigentlich genau passiert. Das müsste ihnen, in einer ihnen verständlichen Sprache von offizieller Seite eigentlich kommuniziert werden. Glücklicherweise gibt es aber eine Menge Freiwillige, die sich in dieser Situation um die Menschen kümmern und sie mit Wasser und Essen versorgen und sich auch um eine einfache medizinische Betreuung kümmern. Die Versorgungslage von Seiten der Behörden ist schlecht. Wir hatten in den letzten Wochen häufig Temperaturen um die 40 Grad, und es gab keinen Sonnenschutz oder Schatten auf dem Platz. Jetzt im Sommer ist es noch nicht so ein großes Problem, dass es eigentlich keinen richtigen Aufenthaltsraum gibt, in dem sich die Flüchtlinge aufhalten können während sie warten. Das Bahnhofsgebäude selbst wird gerade renoviert, so dass die Flüchtlinge auf dem Platz neben dem Bahnhof und in einem Park warten müssen. Die Helfer haben ein Zelt aufgebaut, in dem sie auch Kleidung und Spielzeug vorrätig haben.

Wie viele Personen sind da, die sich um die Flüchtlinge kümmern?
Zunächst muss man sagen, dass es sich bei den Helfern nur um Privatpersonen handelt. In der Regel sind um die zehn Leute vor Ort. Es sind meist fünf bis sechs ältere freiwillige Helfer und es gibt natürlich auch jüngere Helfer, Studenten zum Beispiel. Es gibt auch immer freiwillige Helfer die im Gesundheitswesen arbeiten: Ärzte und Sanitäter, von denen sind immer zwei oder drei dabei. Ich konnte in der letzten Woche nicht vorbei gehen, aber bevor jetzt die große Welle kam, kümmerten sie sich um etwa 50 bis 60 Personen täglich. Ich habe allerdings auch gehört, dass eine der beteiligten Zivilorganisationen kurz davor steht aufzugeben, vor allem, weil sie keinerlei Unterstützung vom Staat oder den Behörden erhalten.

Um wen handelt es sich dabei genau? Wer hilft?
Es ist ein sehr gut organisiertes Netzwerk von größeren und kleineren Initiativen und Vereinen. Vor allem wird diese Arbeit aber von vielen Individuen getragen, die sich einbringen. Sie sprechen sich unkompliziert ab und leisten Hilfe, wo und wie sie gerade gebraucht wird. Das ist das Ermutigende an der Situation: Noch nie haben in unserem Land Zivilorganisationen in so kurzer Zeit ein so gut funktionierendes Netzwerk aufgebaut. Und sie schaffen es, mit einem gemeinsamen Ziel, zu kooperieren. Das ist nicht nur bei uns hier in Pécs so, sondern in ganz Ungarn. Von den großen bekannten Organisationen ist das Rote Kreuz die einzige, die diese Arbeit unterstützt, zumindest soweit ich das für Pécs einschätzen kann.

Was hast du in dieser Situation getan?
Unser Lions Haus liegt direkt gegenüber, man kann von dort alles sehen kann. Ich gehe öfter rüber, helfe und bringe Sachen vorbei. Die Hilfe ist so gut organisiert, dass es eigentlich an nichts Grundlegendem fehlt. Immer wenn ich Zeit habe, gehe ich zum Bahnhof und frage die Helfer was in diesem Moment akut benötigt wird, und dann besorge ich es. Das kann Wasser sein, Spielzeug für die Kinder oder auch Medikamente und Verbandsmaterial. Nicht wenige Flüchtlinge haben aufgrund der langen Fußmärsche, Verletzungen an Beinen und Füßen.

Wie ist die Einstellung der ungarischen Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen?
Leider ist es so, dass die Medien doch einen großen Einfluss auf viele Leute haben. Und in den Medien hier wird unglaublich negativ über die Flüchtlinge berichtet. Bei vielen Menschen ist es so, dass sie die Statements der Medien übernehmen ohne wirklich darüber nachzudenken. Und auf der anderen Seite gibt es dann natürlich auch die vielen Menschen, die helfen. Zum Beispiel die ganzen Freiwilligen. Aber generell habe ich den Eindruck, dass ein Großteil der Ungarn die negative Berichterstattung der Medien übernimmt.

Hast du eine besonderes Erlebnis, dass du uns weitergeben kannst?
Ja, wie ich schon gesagt habe, ist es beeindruckend zu sehen wie hilfsbereit doch viele Menschen in unserer Stadt sind. Einmal sagte mir einer der Koordinatoren, dass Verbandsmaterial benötigt werde. Ich ging also in die Apotheke um Mullbinden zu kaufen. Dabei erzählte ich der Apothekerin, dass ich sie für die Versorgung der Flüchtlinge am Bahnhof benötige. Sie fand das so gut, dass sie mir die Binden umsonst überlassen hat und mir auch noch sämtliche Reste mitgab, die sie in der Apotheke finden konnte. Es freut mich, dass so vielen Menschen helfen und es so oft positive Rückmeldung gibt.

In den internationalen Medien wird häufig eher negativ über den Haltung der ungarischen Behörden und Menschen gegenüber Flüchtlingen bereichtet? Wieso denkst du, ist in Pécs so eine große Hilfsbereitschaft zu beobachten?
Pécs ist die Hauptstadt des Komitats¹ Branau, von dem seit 1921 ein Teil in Kroatien und einer in Serbien liegt. Durch den kleinen Grenzverkehr hatten wir auch zu Zeiten des Kommunismus zahlreiche Kontakte zu den Menschen in diesem Gebiet. Der Pécser Markt war in dieser Zeit berühmt und hatte überregionale Bedeutung. Und einige kamen auch zu den in der Nähe gelegenen Heilbädern. Viele knüpften dauerhafte Kontakte und Freundschaften, sogar Eheschließungen über die Grenzen hinweg kamen vor. Auch traditionell gab es viele gemischt-nationale Familien. Mit Beginn des Jugoslawienkrieges wurden die Grenzen geschlossen und vieles veränderte sich. Auch Menschen aus demselben Dorf, die bislang friedlich zusammen lebten, begannen sich zu bekämpfen. In der Folge flohen viele Menschen illegal über die dann schon geschlossene Grenze nach Pécs. Viele Familien in Pécs haben in dieser Zeit kroatische und auch serbische Flüchtlinge aufgenommen. Ein Freund ließ eine kroatische Familie, die er kannte, drei Jahre in seinem Ferienhaus wohnen. Ein anderer Freund nahm mit seiner Familie einen jungen Kroaten auf, der in die serbische Armee eingezogen werden sollte und deswegen floh. Er lebte insgesamt sechs Jahre bei ihnen. Ich denke, deswegen sind die Menschen in Pécs vielleicht etwas offener gegenüber Flüchtlingen als in anderen Teilen Ungarns.

Warum hilfst Du ganz persönlich?
Ich denke, dass jeder da helfen sollte, wo Hilfe gebraucht wird. Man muss sich das ja mal vor Augen führen: diese Menschen sind schon mehrere Monate unterwegs, wenn sie zu uns kommen. Da sind Familien mit kleinen Kindern. Ich bin davon überzeugt: Jeder, der diese Menschen einmal wirklich gesehen hat und über ihre Situation nachgedacht hat, wird anfangen zu helfen. Es ist ja nur eine kleine Sache, die ich mache, aber ich glaube, wenn ich helfen kann, dann soll ich auch helfen.

Manche sagen, sie hätten keine Zeit oder kein Geld, um zu helfen. Was würdest du diesen Personen antworten?
Ich denke, das ist keine Fragen von Zeit oder Geld, sondern einfach eine Frage der Menschlichkeit.

Vielen Dank für das Interview!

¹ Bezeichnung für die regionalen Verwaltungseinheiten Ungarns.

lizenzbild“Es ist keine Frage von Zeit oder Geld” – Ein Interview zur Flüchtlingssituation in Ungarn von Martin Hofmann (MitOst e.V.) ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

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