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Frisch gestrichen! | Mazedonien

Die mazedonische Hauptstadt erfindet ihren öffentlichen Raum neu.

Ein Artikel von Aleksandra Luczak.

„Hierzulande wird sich nie was ändern“ – diesen Satz hört man immer wieder von jungen Skopjanern, während ihr Blick über das neue Stadtzentrum streift. In politischer Regie der Regierungspartei sind hier in den letzten fünf Jahren zahlreiche Denkmäler nationaler Helden aus dem Boden geschossen. Neue beleuchtete Brunnen blinken bunt, umrahmt von frisch historisierten „barocken“ Fassaden. Für den kurzen Zeitraum ausgelegt, sollte das Bauprojekt „Skopje 2014“ der Stadt am Vardar europäischen Charakter verleihen – so der politische Wunsch. „Die Opposition dreht genauso krumme Dinge wie die Regierung, eine dritte Alternative gibt es nicht“, kursiert es von Mund zu Mund wie eine apolitische Losung. Im öffentlichen Raum geht aber Einiges mehr vor sich.

Um die Mittagszeit ist der Lunapark in Skopje wie leer gefegt. Selten stört eine Regung der alten Karussells und Go Karts die heiße trockene Augustluft. Die Mitarbeiter setzen sich gerne zusammen vor die Kassenhäuschen und lassen sich Zeit beim Rauchen. Von den bunt beklebten Wänden schicken Disney-Figuren, die in den späten 1990er ihren Hype erlebten, vereinzelten Passanten ausgebleichte Lächeln: Ab und zu verirrt sich hier ein Rentner samt gelangweiltem Enkelkind oder ein hungriger Jugendlicher auf der Suche nach einem Imbiss. Die Bude am Eingang, wo man kalte Getränke und längliches gefülltes Gebäck – Piroschki – kaufen kann, ist der einzige Ort im umliegenden Stadtpark, der nicht zu hat.

Aleksandar hilft dort in der Sommerzeit seiner Schwester aus. „Auch zu den Spitzenzeiten kommen nicht mehr so viele Leute wie früher“, meint der geborene Skopjaner und promovierte Politikwissenschaftler, „die Menschen brauchen etwas Neues“. Die neueste Entwicklung des Landes und der Hauptstadt sieht er positiv. „Das ist frisch, kurbelt die Wirtschaft an und das Land behauptet sich endlich gegenüber den Griechen und Bulgaren.“ Das Recht der Mazedonier auf nationale Symbole sei dadurch bekräftigt. Trotzdem schwärmt Aleksandar vom Ausland. „Immer mehr Mazedonier beantragen heute einen bulgarischen Pass, um in die EU ausreisen zu dürfen“, gibt er zu.

Ohne Maß
Der Springbrunnen auf dem zentralen Platz Ploštad Makedonija wurde gerade eben zur Nutzung übergeben. Für Kinder wie für Erwachsene ist er derzeit der wohl prominenteste Ort für Selfies. Schillernde Wasserstrahlen spritzen synchron aus dem mit zarten Marmorstäbchen ausgelegten Bürgersteig. Wer diesem Tanz nicht gebannt zuschaut, sondern den Kopf hochhebt, hat die gewaltige Silhouette von Alexander dem Großen vor sich. Der wuchtige Sockel wird von unnahbaren Kriegerfiguren gesäumt – wer zu nahe kommt, gerät in den farbenfrohen Sprühnebel des drum herum errichteten Beckens. Kaum dreht man sich um, leuchtet weiß der frische Putz des neuen Triumphbogens nebenan. Er erscheint umso kleiner als er zwischen zwei übergroßen sitzenden Schriftstellerstatuen aus Bronze gedrängt wurde.

Junge wie Alte, Touristen wie Einheimische lassen sich gerne zu einem Selfie mit dem Licht- und Wasser-Spiel des Brunnens und des Alexander-Denkmals verleiten.

Der Sockel des Alexander-Denkmals, das das umliegende Gebäudeensemble dominiert.

Der Sockel des Alexander-Denkmals, das das umliegende Gebäudeensemble dominiert.

Der neu errichtete Triumphbogen mit begleitenden Denkmälern. Im Vordergrund die Betontreppe des 1973 gebauten Einkaufszentrums „Gradski trgovski centar“, bisher ohne die „barocke“ Aufmachung.

Der neu errichtete Triumphbogen mit begleitenden Denkmälern. Im Vordergrund die Betontreppe des 1973 gebauten Einkaufszentrums „Gradski trgovski centar“, bisher ohne die „barocke“ Aufmachung.

All das war teuer – vielleicht auch zu teuer. Wenn man die vielen Bedürfnisse des Landes bedenkt, lässt einen die auf über 200 Mio. Euro geschätzte Gesamtsumme staunen – und an der Reinheit der Sache zweifeln. „Ich glaube nicht an die Geschichten über Geldwäsche“, Aleksandar macht sich stark für den konservativen Premierminister Gruevski, der die Veränderungen angestoßen hat. „Andererseits… Ich habe diesen einen Freund, der noch in einer gemieteten Wohnung lebt und sich trotzdem einen teuren Plasmafernseher angeschafft hat. Das verstehe ich nicht. Ich meine: Zuerst eine richtige Wohnung, dann Einrichtung“, pointiert er.

Neue Kleider
Das meinten auch die Bewohner anliegender Wohnhäuser, als sie gegen die Verkleidung der alten Fassaden mit „barocker“ Gipskarton-Montur protestierten. „Zuerst sollen die Gebäude endlich mal saniert werden“, erzählt der 35-jährige Photograph und Cutter Dorijan. Er ist in einem Haus direkt am Platz aufgewachsen und zeigt jetzt ortskundig die Schattenseiten der teuren „Schönheitskur“ auf: Der Anblick der Innenhöfe und Hinterhäuser katapultiert einen in die Bauzeit nach dem Erdbeben von 1963, als die zu 80 Prozent ruinierte sozialistische Hauptstadt mit viel internationalem Aufwand wiederaufgebaut wurde.

Die Bauwerke von damals ließen Skopje zu einer wahren Perle des Brutalismus werden. Doch auch sie werden jetzt einem obligatorischen Lifting unterzogen. In einem Referendum letzten Frühling sprach sich die Mehrheit der Bürger allerdings gegen die Umgestaltung eines benachbarten sozialistischen Einkaufszentrums aus. Diese steht trotzdem bevor – wegen des fehlenden Quorums, wie man sagt. Immerhin bleiben die brutalistischen Studentenwohnheime erhalten: Sie werden gerade von innen renoviert. Die Betonwände überstrich man mancherorts nur zur Hälfte mit Farbe. „Halb gestrichen und das Geld halb in die Tasche gesteckt. Typisch mazedonische Arbeit“, meint kopfschüttelnd die ältere Hausmeisterin.

Noch vor dem Referendum setzten sich Skopjaner letzten Winter für das umzugestaltende Einkaufszentrum, indem sie trotz niedriger Temperaturen eine Menschenkette bildeten.

Bald können Studenten ihre renovierten Zimmer in den alten brutalistischen Wohnheimen wieder beziehen.

Seit dem Umbau macht Dorijan – das einstige „Downtown-Kid“ – lieber einen Bogen um den Platz. Grünflächen, die noch vor einigen Jahren feste Treffpunkte für ihn und seinen Freundeskreis waren, gibt es heute nicht mehr – prächtige Laubbäume wurden gefällt. Nach wie vor prägen Baustellen die Straßenzüge, die strahlenförmig auf den Platz zulaufen. Hier und da bedecken Planen mit aufgedruckten Skizzen künftiger Fassaden die Baugerüste. Manch ein Gebäude kriegt gerade ein neues Gewand. Oder aber verliert alten Schmuck: Vom Wahrzeichen der Stadt – dem alten, halb zerstörten Bahnhof, der nach dem Erdbeben in ein Museum umgewandelt wurde – ist vor ein paar Jahren eine große Gedenktafel verschwunden. Dass das zerstörte und wiederaufgebaute Skopje gemäß Titos Worten von 1963 als „Symbol der Brüderlichkeit und Solidarität“ zu gelten hatte, liest man heute lediglich auf einer kleinen Tafel am Eingang.

„Skopje erlitt eine unerhörte Katastrophe, aber Skopje wird wiederaufgebaut werden. Mit der Hilfe unserer ganzen Gemeinschaft wird Skopje zu unserem Stolz und zum Symbol der Brüderlichkeit und der Einheit, der Solidarität Jugoslawiens und der ganzen Welt“, besagt die zweite Gedenktafel von rechts. Die einst viel auffälligere Erinnerung an das Erdbeben und an Josip Broz Tito, der diese Worte am 27. Juli 1963 sagte, geht heute eher unter.

„Skopje erlitt eine unerhörte Katastrophe, aber Skopje wird wiederaufgebaut werden. Mit der Hilfe unserer ganzen Gemeinschaft wird Skopje zu unserem Stolz und zum Symbol der Brüderlichkeit und der Einheit, der Solidarität Jugoslawiens und der ganzen Welt“, besagt die zweite Gedenktafel von rechts. Die einst viel auffälligere Erinnerung an das Erdbeben und an Josip Broz Tito, der diese Worte am 27. Juli 1963 sagte, geht heute eher unter.

Säulen und geschwungene Portale sollen künftig prägende Elemente der bisher modernistischen Fassaden werden.

Säulen und geschwungene Portale sollen künftig prägende Elemente der bisher modernistischen Fassaden werden.

Farbe bekennen
Genauso unauffällig sind andere Protagonisten des Wiederaufbaus geworden: So ist der Name des Architekten Adolf Ciborowski nicht mehr auf den Straßenschildern einer großen Magistrale zu finden. Er ist nun Patron einer unauffälligen Gasse im etwas südlicheren Teil der Stadt. Auch diese Gegend verändert sich: Die niedrige Bebauung muss immer öfter Hochhäusern weichen. „Halb Mazedonien wohnt in Skopje“, erklärt Ivana, die man mehrmals die Woche in einer der noch verbliebenen Villen treffen kann. Man spricht von 200.000 Pendlern, die neben 700.000 Bewohnern täglich die Hauptstadt bevölkern. Seit Jahren schon klagen Skopjaner über Gedränge und dicke Luft in der Stadt, die für 350.000 Menschen geplant und mittlerweile dem einstigen Wiederaufbauplan zuwider von der Bergseite stark zugebaut wurde.

Die studierte Biochemikerin arbeitet am Empfang in einem Hostel. Es sei schwierig, ohne Parteibuch eine passende Arbeitsstelle zu finden, meint sie. Zusammen mit ihrem Freund Katz setzt sich Ivana für die oft übersehenen Umweltbelange der Stadt ein – Katz ist Vorsitzender bei der NGO Proaktiva. „Es gibt immer mehr Fahrradfahrer, aber der Autoverkehr herrscht vor, es fehlt das Bewusstsein dafür“, meint er. Durch langjährige Mühen ist es Proaktiva gelungen, bei der Stadtverwaltung die Entwicklung des Fahrradwegnetzes voranzutreiben: knapp 40 km Fahrradwege zu bauen und weitere 5.000 km² mit Farbe zu markieren. Doch als im Rahmen von „Skopje 2014“ etliche Straßen verbreitert wurden (auch um den Preis der gefällten Bäume), hat man trotz opulenten Budgets keine Gelder für neue Fahrradwege vorgesehen. Seit drei Jahren versuchen Fahrradfahrer durch die monatliche Critical Mass dagegen ein Zeichen zu setzen.

Durch immer wieder aufgesprühte Stencils und Graffiti werden auch Baustellenzäune und Häuserwände zum Medium von zivilgesellschaftlichen und politischen Statements. Den vielerorts auffindbaren Hashtag #protestiram hat man während der massiven Studentenproteste im Mai und Juni dieses Jahres entwickelt. Neuerdings organisierte die kommunistische Organisation Lenka eine Kundgebung gegen die kitschigen Umbaumaßnahmen. Danilo war nicht dabei, doch er wird öfter gefragt, wenn Lenka ein Statement für Medien abgeben soll. Der 27 Jährige Jurist arbeitet in einer privaten Firma in Skopje. Gemessen am durchschnittlichen Monatsgehalt von ca. 300 Euro kann er nicht klagen. „Man muss leben“, sagt er im Ton der Rechtfertigung. Er hat nicht viel Freizeit für sein linkspolitisches Engagement, Zeit für Freundin und Sport muss auch mal sein.

Kaum ein Baustellenzaun ohne den Hashtag #protestiram („ich protestiere“), kaum ein Verkehrsmittel ohne den entsprechenden Aufkleber.

Kaum ein Baustellenzaun ohne den Hashtag #protestiram („ich protestiere“), kaum ein Verkehrsmittel ohne den entsprechenden Aufkleber.

„Gefährlich für Mazedonien“, „Ich verkaufe Mazedonien für eine Hazienda am griechischen Meer“ – die Stencils richten sich sowohl gegen den konservativen Premierminister Gruevski (oben) als auch gegen Zaev, den Anführer der sozialdemokratischen Opposition (unten).

„Gefährlich für Mazedonien“, „Ich verkaufe Mazedonien für eine Hazienda am griechischen Meer“ – die Stencils richten sich sowohl gegen den konservativen Premierminister Gruevski (oben) als auch gegen Zaev, den Anführer der sozialdemokratischen Opposition (unten).

Der Heiligenschein des Stadterneuerers trügt, meint ein Kritiker von „Skopje 2014“: Es ist vielmehr ein Clown mit einer blutiger Axt hinter dem Rücken, der ein Massaker im Stadtraum anrichtet.

Der Heiligenschein des Stadterneuerers trügt, meint ein Kritiker von „Skopje 2014“: Es ist vielmehr ein Clown mit einer blutiger Axt hinter dem Rücken, der ein Massaker im Stadtraum anrichtet.

Jetzt ist keine Spur der Demo zu erkennen. Kinder toben zwischen den regenbogenfarbenen Wasserstrahlen, auf den Bänken nebenan ruhen sich Passanten aus. Plötzlich ertönt laute Musik aus den an den Laternen angebrachten Lautsprechern und wirbelt um das riesige Alexander-Denkmal. Es beginnt ein Streifzug durch die europäische Klassik: Grieg, Chatschaturjan, Monti… „Niemand hier hört solche Musik, man hätte jugoslawisches Turbo Folk senden sollen“, ironisiert Danilo. In der Ecke des Platzes sucht sich eine Rockband gegen die Lautsprecher zu behaupten. Hier und da trifft man Straßenmusiker, die von der Stadt ausgewählt und bezahlt werden. Die miteinander konkurrierenden Lautstärken übertönen das Gespräch.

Das regierungs- und gesellschaftskritische Video zum „Oda na gadosta“ („Ode an die Perversität“) des bekannten mazedonischen Hip-Hop-Musikers DaDzaka Nakot wurde vor der neuen aufstrebenden Kulisse des Stadtzentrums aufgenommen. Aus den Medien war es dann für eine Zeitlang verbannt.

Vom Denkmal Alexanders des Großen her gesehen, bildet das neue Archäologische Museum seit Kurzem eine neoklassizistische Kulisse für den beliebten Spielort der Kinder: den neuen Springbrunnen.

Vom Denkmal Alexanders des Großen her gesehen, bildet das neue Archäologische Museum seit Kurzem eine neoklassizistische Kulisse für den beliebten Spielort der Kinder: den neuen Springbrunnen.

Volle Fahrt voraus
Etwas abseits des Platzes steht ein Karussell. Es ist neu und vom Staat finanziert. „In Italien angefertigt, aus Bulgarien importiert“, erklärt die Kartenverkäuferin in der kurzen Zigarettenpause. Jeden Tag von 9 bis 23 Uhr drehen sich die üblichen bunt bemalten Plastikpferde mit für ewig verwehten Mähnen und irren Blicken mit quietschenden Kindern auf dem Rücken. Die gestreifte Überdachung erinnert an die mazedonische Flagge und sieht wie ein rot-gelber, spieluhrvertonter Kreisel aus. In der verglasten Fassade des ausländischen Telekommunikationsanbieters nebenan spiegelt sich ein neoklassizistisches Bauwerk – das neu errichtete Archäologische Museum am anderen Flussufer. Danilo war dort noch nicht und plant auch keinen Besuch, „aus politischen Gründen“. Doch sollte die regierende Partei nicht mehr an der Macht sein, „oh ja, dann gehe ich so was von hin. Dann werde ich auf dem Platz nackt rumlaufen…!“

Nächtlicher Blick auf das populäre Karussell, vom Archäologischen Museum her gesehen. Das populäre Karussell im Stadtzentrum, vom Archäologischen Museum her gesehen.

Nächtlicher Blick auf das populäre Karussell, vom Archäologischen Museum her gesehen.

Aleksandra Luczak ist Kulturhistorikerin und Dolmetscherin mit ausgeprägtem Interesse an Osteuropa. Ihre Begeisterung für Orte und Räume – seien es Busbahnhöfe, Grenzmärkte oder zwielichtige Expats-Discos – ließ sie bisher in Reportagen für “Cafebabel” und “Europe & Me” einfließen. Den Besuch in Skopje nahm sie zum Anlass, über das Kräfteverhältnis zwischen Macht und Gesellschaft im öffentlichen Raum zu berichten.

Der Artikel wurde für cafebabel.com verfasst und wird dort auch veröffentlicht.

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#ElectricYerevan: A Youth-led Revolution in Armenia

by Grigor Yeritsyan, coordination team of Ecolab

It’s been a long way to understand that change for the better takes place only if we struggle for it. This was a challenging and a difficult journey of young Armenians and it has finally led to the #ElectricYerevan movement.


To begin with, like most of the countries that inherited Soviet legacy, Armenia has built its independence on the ashes of the Soviet Union. One of the key elements of the Soviet thinking has always been the idea that change is implemented from above and that the citizens should do nothing but respect imposed rules and decisions. This thinking has largely influenced the Armenian mentality. Many people remained sceptical about their role as “change-makers” in the society and preferred to hope for a better future without taking action for it.

And this is what #ElectricYerevan and similar youth-led civic movements came to change. The conventional wisdom that changes from below are not possible is no longer relevant in Armenia.

Background of #ElectricYerevan
During the last years there have been several successful civic movements and protests that have shaken Armenia. However, #ElectricYerevan became the largest and strongest civic resistance since Armenia’s independence. Unlike the political and partisan protests that are very common in Armenia’s political life, this non-partisan youth led movement managed to mobilize all the diverse segments of the society for a particular cause.

So, how did everything start? The civic unrest in Yerevan was sparked on June 19th, few days after the nationwide hike of 16.7% in electricity prices was announced. The raise in electricity prices was a request of Armenia’s electricity distribution company “Electric Networks of Armenia” which is owned by Russia’s state-owned energy holding Inter RAO.

The protests started on the Freedom Square, as protest usually do, but continued towards the Presidential Palace which is located on Yerevan’s central Baghramyan avenue. Most of the governmental buildings are located here – the Constitutional Court, the Parliament and the President’s residence. This street symbolizes executive, legislative and judicial branches of power in Armenia, which are equally corrupt. Soon, the riot police closed the way to hinder the protesters from reaching the presidential palace. In turn, the protesters began a sit-in protest right there, blocking one of the city’s main roads.
The information about the protests spread worldwide under the hashtag #electricYerevan after the police used water cannons to violently disperse the protest on June 23rd, arresting more than 230 people (soon almost all of them were to be released). The violence and injustice triggered bigger discontent and brought more and more people to the streets. According to different sources up to 20.000 people – mostly young people – joined the protests.

For 15 days Baghramyan Avenue remained blocked by the protesters … something that would hardly happen in any democratic country. The barricades built by the protesters became a dividing line between responsible citizens symbolizing the will of young Armenians to live in a better country on one side, and the police – a symbol of a corrupt and weak political system on the other side.

Joining the Protest
I came back to Armenia from a working trip on the morning of June 23rd – the very day when the police exercised power against the peaceful protesters. From early morning on I have received several calls and messages from friends and colleagues who either suffered from the violence or have been detained. Since then I have joined the protests and spent two weeks full of unity, consolidation and celebration of success.
As a youth worker and civil society representative I could have only dreamed to see as many different young people united for a common cause … liberals, conservatives and nationalists, partisan and non-partisan youngsters, members of NGOs and students, locals and foreigners, representatives of the business sector and celebrities, young people from cities and rural areas. Many would argue that everyone had different goals for being there, but at the end of the day we were there to protect our right to a better future in Armenia.
For Armenia’s authorities it was not clear where these young people come from. Mostly open-minded, smart, intelligent, balanced, tolerant, educated and creative – an image of young persons that the state never promoted. On the contrary: for decades, the state has sponsored educational, political, social and cultural systems attempting at suppressing the independent thinking of Armenian youth, killing any initiative, innovative thinking and developing stereotypes. They have been always afraid of active citizens and tried hard to form a spirit of indifference towards the societal problems. Eventually, they failed!

During the half a month I have protested together with my friends and likeminded people, I’ve seen a very high degree of empathy and solidarity. It’s not easy to describe the positive atmosphere at the occupied Baghramyan Avenue. People were bringing food, providing each other with water, cleaning the area, taking care of and supporting each other. There was permanently music and dancing going on in order to keep the spirit of unity. The protests were very inclusive and everyone was welcome to join. In a couple of days the Baghramyan Avenue became a good place to meet good people, to talk about politics, to share ideas about the future of Armenia and to make new friends.

What Did We Ask for?
From the very beginning the main demand was to void the decision on the raise of the electricity prices sponsored by the President of Armenia and to introduce reforms to the energy sector. After the illegal violence committed by the police, a new demand was introduced: to impartially investigate the events and punish all those policemen who exercised violence against peaceful protesters. There were many other demands voiced by different participants of the protests, varying from the president’s resignation to stopping corruption, eliminating the criminal oligarchy and injustice in the country. However, the main official requests remained connected to the electricity prices.

The Government Finally Reacts
Very soon the authorities reacted on the massive protests taking place in the heart of the city. The President of Armenia Serzh Sargsyan has unsuccessfully tried to calm down the protesters. He has announced that these protests are very important and that they show the trust that had been developed between the police and the protesters, the level of development of the civil society in Armenia and how important it is to respect the values of democracy.

He offered the Armenian-Russian intergovernmental committee to be in charge of an audit of the Russian electricity supplier. The president also suggested that the government of Armenia takes the burden of this increase on itself by paying the difference from the state budget until the results of the audit are conducted and published. He missed a little nuance – citizens of Armenia form the state budget by paying taxes.

This reaction of the President was not considered as a temporary victory and the invitation to a dialogue with the government was rejected. The president offered to meet six representatives of the protesters, however, the crowd refused to appoint them and asked the president to come himself or to connect live through web streaming. Neither of this happened. The invitation was considered a manipulation aiming to delay the price increase and to stop the protests. Generally, there was still a huge discontent and mistrust towards any announcement coming from the authorities. It was not possible to celebrate any victory as none of the demands were met. At the same time we could not trust any Armenian-Russian intergovernmental committee or any unbiased audit, taking into account the level of corruption both in Armenian and Russian governments.

When it comes to the police, their behaviour has radically changed. After the violent attack on the protesters on the 23rd of June, the police reconsidered its aggression and tried to cooperate with the citizens.
The police was surprisingly calm and peaceful and took the reaction of the public and the international community on the violence against activists into account. They even promised to refund all the broken equipment and lost items of the journalists and to start an investigation regarding the civilian policemen exercising violence. Later on some cases were filed against certain policemen, however, none of them had any serious impact. There is not much hope that any of them will be brought to court in the end.

Who Was Behind the Protests?
It is not a surprise that, from the very start, the media and the international community were looking for forces that might be behind the protests. And indeed there were driving forces behind … the corrupt Armenian government, the non-accountable and intransparent Russian-owned company and local oligarchs have triggered the protests themselves and have driven the people to the streets. They were the forces behind all the mess. Other than that, the civic movement started as and remained a highly non-political and non-partisan one. Political parties were not involved and any efforts to take a lead or benefit from the situation were mostly unsuccessful. There has been no sign of foreign involvement, even though especially the Russian and pro-Russian media were eagerly trying to prove otherwise. The demonstrators have always denied any links either to foreign organizations or to opposition parties in Armenia.

The Russian Factor
The protests in Armenia were never anti-Russian, although it was clear from the beginning that protesters accused the Russian company for mismanagement and money laundering. However, thanks to the Russian media and the Russian propaganda machine, there have been moments when the protests could have been turned into anti-Russian ones. From the very beginning, Russian mainstream media was spreading misinformation about the events – ridiculously suspecting an American involvement.

After failing to find any American or foreign trace, they have been trying hard to make comparisons between the Armenian protests and Ukraine’s EuroMaidan movement. Most of the main Russian media outlets have visited the protests. But after biased and falsified coverage most of them were not allowed to approach the protests anymore. At the same time there was little coverage by the European media, which allowed the Russian propaganda to conquer the world’s media space and discredit the protests.

Additionally it is worth to mention that the poor economic situation in Armenia, the social inequalities, the corruption, the economic dependence, the social injustice and the oligarchic system are mostly associated with Russia and the predecessor Soviet Union. Many news agencies pointed out that this reaction of Russian-media showed that the Kremlin, and particularly Mr. Putin is nervous about losing Armenia from its traditional imperial domain.

The Gender Aspect
There is another interesting aspect of #ElectricYerevan I would like to talk about. Along with male protesters, female protesters have equally struggled day and night. This wouldn’t be an important thing to mention for a country that has equal gender treatment. But in Armenia, where women are underrepresented in almost all the areas of public life, this was a significant step. This was a fight that really involved everyone, regardless of gender, religious or political views. Armenian women and girls have demonstrated courage and strength, redefining their roles as citizens. Some of the dances that have been traditionally performed by men were also performed by women during the celebration of small successes. The same regarding musical instruments. By occupying the main street, this movement literally created a public space, where everyone could express him- or herself, organize something and be treated equally.

What Was Achieved in the End?
There is short-term and long-term impact of the movement. Practically, the government promised to conduct an international audit of the company and start an investigation. The decision on the hike has been suspended for now. On the long term the protests showed that people would no longer tolerate the sense of impunity of their authorities.

The youth-led revolution was not only against the government, corruption and social injustice but also against conventional thinking. It was a mental revolution and a wake-up call to the society that young Armenians take charge of.

More information and updates about #ElectricYerevan you can find at electricyerevan.info.
lizenzbild“#ElectricYerevan: A Youth-led Revolution in Armenia” by Grigor Yeritsyan ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.


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#ElectricYerevan: Die von der Jugend angeführte Revolution in Armenien

Ein Artikel von Grigor Yeritsyan. Aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Heike Fahrun.

Es war ein langer Weg, um zu verstehen, dass Veränderungen zum Positiven nur dann stattfinden, wenn wir darum kämpfen. Eine lange, herausfordernde und schwierige Reise für junge Armenier, die schließlich zur Bewegung #ElectricYerevan führte.

Eins vorweg: Armenien hat, wie die meisten Länder mit einem sowjetischen Erbe, seine Unabhängigkeit auf den Trümmern der Sowjetunion gebaut. Ein wesentliches Element sowjetischen Denkens war schon immer, dass Veränderungen von oben angestoßen werden und die Bürger nichts anderes tun sollten, als die von oben verordneten Regeln und Entscheidungen zu respektieren. Dieses Denken hat die armenische Mentalität tiefgreifend geprägt. Viele Menschen blieben skeptisch gegenüber ihrer Rolle als „change makers“ und zogen es vor, auf eine bessere Zukunft zu hoffen, ohne selbst aktiv zu werden.

Genau dies haben #ElectricYerevan und ähnliche, von jungen Menschen selbstorganisierte Bewegungen verändert. Die gängige Meinung, dass Veränderung von unten nicht möglich sei, trifft für Armenien nicht mehr zu.

Zum Hintergrund von #ElectricYerevan
In den letzten Jahren erschütterten etliche erfolgreiche soziale Bewegungen und Proteste Armenien. Allein, #ElectricYerevan wurde zum größten und stärksten zivilen Widerstand seit Armeniens Unabhängigkeit. Anders als die politischen und parteilichen Proteste, die in Armeniens politischem Leben sehr verbreitet sind, schaffte es diese unparteiische Bewegung, die verschiedensten Teile der Gesellschaft für einen konkreten Zweck zu mobilisieren.

Wie fing alles an?
Die zivile Unruhe in Yerevan entzündete sich am 19. Juni, wenige Tage nach der Ankündigung des armenischen Stromversorger “Electric Networks of Armenia” (ENA), die Strompreise landesweit um 16,7% zu erhöhen. ENA befindet sich im Besitz der russichen Staatsholding Inter RAO.

Die Proteste starteten wie üblich am Platz der Freiheit, setzten sich jedoch ganz unüblich in Richtung des Präsidentenpalasts fort, der am zentralen Baghramyan-Boulevard liegt. Hier befinden sich auch die meisten Regierungsgebäude – das Verfassungsgericht, das Parlament sowie der Wohnsitz des Präsidenten. Die Straße ist Symbol der exekutiven, legislativen und judikativen Macht Armeniens, die alle gleichermaßen korrupt sind. Bald versperrte die Polizei den Weg, um die Protestierenden daran zu hindern, den Präsidentenpalast zu erreichen. Im Gegenzug begannen die Protestierenden mit einem Sit-in und blockierten so eine der Hauptverkehrsadern der Stadt.

Die Nachricht über den Protest verbreitete sich weltweit unter dem Hashtag #ElectricYerevan, nachdem die Polizei am 23. Juni Wasserwerfer einsetzte, um den Protest gewaltsam aufzulösen  und dabei mehr als 230 Menschen verhaftete (fast alle wurden später wieder frei gelassen). Dieses brutale und ungerechte Vorgehen führte zu noch größerer Unzufriedenheit und brachte noch mehr Menschen auf die Straße. Unterschiedlichen Quellen zufolge schlossen sich bis zu 20.000 Menschen, meist Jugendliche, den Protesten an.

Der Baghramyan-Boulevard wurde nun 15 Tage lang blockiert … etwas, das in einem demokratischen Land kaum passieren würde. Die Barrikaden, von den Protestierenden errichtet, wurden zur trennenden Linie – zwischen verantwortungsvollen Bürgern auf der einen Seite, Vertreter für den Wunsch junger Armenier, in einem besseren Land zu wohnen; und den Polizisten als Repräsentanten eines schwachen und korrumpierten politischen Systems auf der anderen Seite.

Ich bin dabei!
Nach einer Dienstreise kam ich am Morgen des 23. Juni zurück nach Armenien – genau an dem Tag, an dem die Polizei gegen die friedlich Protestierenden vorging. Seit dem frühen Morgen hatte ich Anrufe und Nachrichten von Freunden und Kollegen erhalten, die entweder direkt unter Polizeigewalt zu leiden hatten oder verhaftet worden waren. Von da an schloss ich mich den Protesten an und verbrachte zwei wunderbare Wochen voller Einheit, gegenseitiger Stärkung und Erfolgsgeschichten.

Als Jugendbetreuer und Vertreter der Zivilgesellschaft war es ein Traum so viele verschiedene junge Menschen zu sehen, vereint für eine gemeinsame Sache … Liberale, Konservative und Nationalisten, Parteianhänger und Unabhängige, NGO-Mitglieder und Studierende, Einheimische und Ausländer, Vertreter der Wirtschaft und Prominente, Stadt- und Landbewohner. Viele werden sagen, dass alle unterschiedliche Gründe für ihr Kommen hatten, aber letzten Endes waren wir alle dort, um unser Recht auf eine bessere Zukunft in Armenien zu verteidigen.

Für die armenischen Behörden war unklar, woher diese jungen Menschen kamen. Meist aufgeschlossene, intelligente, ausgeglichene, tolerante, gut ausgebildete und kreative Jugendliche – ein Bild der Jugend, das der Staat selbst nie gefördert hatte. Im Gegenteil: für Jahrzehnte unterstützte er ein pädagogisches, politisches, soziales und kulturelles System, mit dem Versuch unabhängiges Denken zu unterbinden, jede Eigeninitiative und Innovation im Keim zu ersticken und stattdessen Stereotypen zu entwickeln. Der Staat hatte schon immer Angst vor aktiven Bürgern und gab sich größte Mühe, einen Geist der Gleichgültigkeit gegenüber gesellschaftlichen Problemen aufzubauen. Letzten Endes sind sie damit gescheitert!

Während des halben Monats, den ich zusammen mit Freunden und ähnlich denkenden Menschen protestierte, erlebte ich einen hohen Grad an Mitgefühl und Solidarität. Es ist nicht einfach, die positive Atmosphäre auf dem besetzten Baghramyan-Boulevard zu beschreiben. Menschen brachten Essen, versorgten sich gegenseitig mit Wasser, säuberten die Gegend, kümmerten sich und unterstützen einander. Es gab ständig Musik und man tanzte, um den Geist der Einheit zu erhalten. Die Proteste waren sehr integrativ, jeder war willkommen. In wenigen Tagen wurde der Baghramyan-Boulevard ein guter Ort, um gute Leute zu treffen, über Politik zu sprechen, Ideen zur Zukunft Armeniens auszutauschen und neue Freunde zu finden.

Was wir verlangten?
Ganz zu Anfang bestand die Hauptforderung darin, die vom Präsidenten unterstützte Erhöhung der Strompreise für nichtig zu erklären und Reformen auf dem Energiesektor einzuleiten. Nach dem illegalen gewaltsamen Vorgehen der Polizei kam eine neue Forderung hinzu: die Ereignisse unvoreingenommen zu untersuchen, und diejenigen Polizisten zu bestrafen, die Gewalt gegen friedliche Protestierende ausgeübt hatten. Auch viele andere Forderungen wurden von verschiedenen Seiten des Protests erhoben, vom Rücktritt des Präsidenten bis zum Abstellen der Korruption, der Ausschaltung der kriminellen Oligarchie und Ungerechtigkeit im Land. Dennoch blieben die Elektrizitätspreise die offizielle Hauptforderung.

Die Regierung reagiert endlich
Die Behörden reagierten sehr bald auf die massiven Proteste im Herzen der Stadt. Der armenische Präsident Serzh Sargsyan versuchte vergeblich die Protestierenden zu besänftigen. Er verkündete, diese Proteste seien sehr wichtig und zeigten das Vertrauen, das sich zwischen der Polizei und den Protestierenden aufgebaut habe, sowie den Entwicklungsstand der Zivilgesellschaft in Armenien und wie wichtig es sei, demokratische Werte zu respektieren.

Der Präsident bot dem Armenisch-Russischen Zwischenstaatlichen Ausschuss (ARZA) an, den russischen Stromlieferanten selbst zu prüfen. Er schlug außerdem vor, dass die armenische Regierung die finanzielle Last der Erhöhung selbst übernimmt und die Differenz aus dem Staatshaushalt zahlt, bis die Ergebnisse der Prüfung veröffentlicht würden. Dabei vergaß er ein kleines Detail – dass die armenischen Bürger den Haushalt aus ihren Steuern finanzieren.

Das Angebot des Präsidenten wurde nicht als vorläufiger Sieg verstanden und die Einladung zu einem Dialog mit der Regierung daher zurückgewiesen. Der Präsident bot an, sich mit sechs Vertretern der Protestierenden zu treffen, allerdings weigerte sich die Menge, diese zu bestimmen und forderte den Präsidenten auf, doch selbst zu kommen oder per Live-Stream mit ihnen zu sprechen. Keins von beidem geschah. Sargsyans Einladung wurde vielmehr als Manipulationsversuch gewertet, die Preissteigerung zu verzögern und den Protest zu beenden. Ganz allgemein gab es hohe Unzufriedenheit und Misstrauen gegenüber jeglicher Ankündigung der Behörden. Einen Sieg zu feiern, war unmöglich, schließlich war keine der Forderungen erfüllt. Gleichzeitig konnten wir uns, das Korruptionsniveau der armenischen wie russischen Regierung bedenkend, nicht auf ARZA oder eine unparteiische Prüfung verlassen.

Was die Polizei angeht, so änderte sich ihr Verhalten grundlegend. Nach dem gewalttätigen Übergriff auf die Protestierenden am 23. Juni überdachte die Polizei diese Aggression und versuchte mit den Bürgern zu kooperieren. Die Polizei war erstaunlich ruhig und friedlich und nahm die Reaktion der Öffentlichkeit und der internationalen Gemeinschaft auf die Gewalt gegen Aktivisten ernst. Sie versprachen sogar, Journalisten ihre beschädigte und verlorene Ausrüstung zu ersetzen und gegen gewaltausübende Zivilpolizisten zu ermitteln. Später wurden gewisse Fälle angezeigt, allerdings hatte dies keine gravierenden Auswirkungen. Es gibt nur wenig Hoffnung, dass einer von ihnen tatsächlich vor Gericht gebracht wird.

Wer stand hinter den Protesten?
Es ist nicht überraschend, dass die Medien und die internationale Gemeinschaft von Beginn an nach Kräften suchte, die hinter den Protesten stecken könnten. Und tatsächlich gab es diese treibenden Kräfte … die korrupte armenische Regierung, das unberechenbare und intransparente russische Unternehmen sowie lokale Oligarchen selbst hatten die Proteste ausgelöst und die Menschen auf die Straße getrieben. Sie waren die Kräfte hinter all dem Chaos. Anders die Bürgerbewegung, die höchst unpolitisch und unparteiisch war und blieb. Politische Parteien spielten keine Rolle, und die Versuche, die Situation zu steuern oder von ihr zu profitieren, blieben überwiegend erfolglos. Auch wenn die russischen und pro-russischen Medien eifrig versuchten das Gegenteil zu beweisen, gab es keine Hinweise auf ausländisches Engagement. Die Demonstranten bestritten stets Verbindungen zu ausländischen Organisationen oder zu armenischen Oppositionsparteien.

Der russische Einfluss
Die Proteste in Armenien waren nie anti-russisch, auch wenn von Anfang an klar war, dass die Protestierenden ein russisches Unternehmen des Missmanagements und der Geldwäsche beschuldigten. Jedoch gab es dank der russischen Medien und der russischen Propaganda-Maschine Momente, in denen die Proteste anti-russisch hätten werden können. Von Beginn an verbreiteten russische Massenmedien Falschinformationen über die Ereignisse – absurderweise amerikanisches Engagement vermutend.

Nachdem weder amerikanische noch andere ausländische Spuren zu finden waren, gaben sie sich die größte Mühe, Vergleiche zwischen den armenischen Protesten und dem ukrainischen EuroMaidan zu ziehen. Die meisten wichtigen russischen Medien besuchten die Proteste vor Ort. Aber nach ihrer voreingenommenen und verfälschenden Berichterstattung durften sich die meisten dem Protest nicht mehr nähern. Gleichzeitig gab es nur wenige Berichte europäischer Medien, was es der russischen Propaganda erleichterte, den globalen medialen Raum zu erobern und die Proteste zu diskreditieren.

Zusätzlich ist hervorzuheben, dass die schlechte wirtschaftliche Situation in Armenien, die soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit, die Korruption, die wirtschaftliche Abhängigkeit und das oligarchische System mit Russland und dessen Vorgängerin Sowjetunion verknüpft werden. Zahlreiche Nachrichtenagenturen betonten, die Reaktion der russischen Medien zeige, wie besorgt der Kreml und besonders Putin seien, mit Armenien einen seiner traditionellen imperialen Herrschaftsbereiche zu verlieren.

Der Gender-Aspekt
Ich würde gern noch über einen anderen interessanten Aspekt von #ElectricYerevan sprechen. Neben den männlichen standen Tag und Nacht auch weibliche Protestierende. In einem Land, wo die Geschlechter gleichgestellt sind, wäre das nicht der Rede wert. Aber in Armenien, wo Frauen in fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens unterrepräsentiert sind, war das ein wichtiger Schritt. Dies war ein Kampf, der wirklich alle betraf und einbezog, unabhängig von Geschlecht, religiösen oder politischen Einstellungen. Armenische Frauen und Mädchen zeigten Mut und Stärke, und definierten damit ihre Rolle als Bürgerinnen neu. Einige Tänze, die traditionell Männern vorbehalten sind, wurden ebenso von Frauen getanzt, wenn es kleinere Erfolge zu feiern gab. Genauso war es mit traditionellen Musikinstrumenten. Indem sie die Straße besetzte, schuf diese Bewegung buchstäblich einen öffentlichen Raum, wo jede und jeder sich ausdrücken, etwas gestalten und gleichwertig behandelt werden konnte.

Was wurde am Ende erreicht?
Es gibt kurzfristige und langfristige Auswirkungen der Bewegung. Praktisch versprach die Regierung, eine internationale Prüfung und Untersuchung einzusetzen. Die Entscheidung über die Erhöhung wurde fürs Erste ausgesetzt. Langfristig zeigten die Proteste, dass die Menschen das Gefühl der Straflosigkeit ihrer Behören nicht länger akzeptieren werden.

Diese von der Jugend geführte Revolution war nicht nur gegen die Regierung gerichtet, gegen Korruption und soziale Ungerechtigkeit, sondern auch gegen das herkömmliche Denken. Es handelte sich um eine mentale Revolution, einen Weckruf an die Gesellschaft, dass junge Armenier Verantwortung übernehmen.

lizenzbild“#ElectricYerevan: Die von der Jugend angeführte Revolution in Armenien” – Ein Artikel von Grigor Yeritsyan ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.