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Frisch gestrichen! | Mazedonien

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Die mazedonische Hauptstadt erfindet ihren öffentlichen Raum neu.

Ein Artikel von Aleksandra Luczak.

„Hierzulande wird sich nie was ändern“ – diesen Satz hört man immer wieder von jungen Skopjanern, während ihr Blick über das neue Stadtzentrum streift. In politischer Regie der Regierungspartei sind hier in den letzten fünf Jahren zahlreiche Denkmäler nationaler Helden aus dem Boden geschossen. Neue beleuchtete Brunnen blinken bunt, umrahmt von frisch historisierten „barocken“ Fassaden. Für den kurzen Zeitraum ausgelegt, sollte das Bauprojekt „Skopje 2014“ der Stadt am Vardar europäischen Charakter verleihen – so der politische Wunsch. „Die Opposition dreht genauso krumme Dinge wie die Regierung, eine dritte Alternative gibt es nicht“, kursiert es von Mund zu Mund wie eine apolitische Losung. Im öffentlichen Raum geht aber Einiges mehr vor sich.

Um die Mittagszeit ist der Lunapark in Skopje wie leer gefegt. Selten stört eine Regung der alten Karussells und Go Karts die heiße trockene Augustluft. Die Mitarbeiter setzen sich gerne zusammen vor die Kassenhäuschen und lassen sich Zeit beim Rauchen. Von den bunt beklebten Wänden schicken Disney-Figuren, die in den späten 1990er ihren Hype erlebten, vereinzelten Passanten ausgebleichte Lächeln: Ab und zu verirrt sich hier ein Rentner samt gelangweiltem Enkelkind oder ein hungriger Jugendlicher auf der Suche nach einem Imbiss. Die Bude am Eingang, wo man kalte Getränke und längliches gefülltes Gebäck – Piroschki – kaufen kann, ist der einzige Ort im umliegenden Stadtpark, der nicht zu hat.

Aleksandar hilft dort in der Sommerzeit seiner Schwester aus. „Auch zu den Spitzenzeiten kommen nicht mehr so viele Leute wie früher“, meint der geborene Skopjaner und promovierte Politikwissenschaftler, „die Menschen brauchen etwas Neues“. Die neueste Entwicklung des Landes und der Hauptstadt sieht er positiv. „Das ist frisch, kurbelt die Wirtschaft an und das Land behauptet sich endlich gegenüber den Griechen und Bulgaren.“ Das Recht der Mazedonier auf nationale Symbole sei dadurch bekräftigt. Trotzdem schwärmt Aleksandar vom Ausland. „Immer mehr Mazedonier beantragen heute einen bulgarischen Pass, um in die EU ausreisen zu dürfen“, gibt er zu.

Ohne Maß
Der Springbrunnen auf dem zentralen Platz Ploštad Makedonija wurde gerade eben zur Nutzung übergeben. Für Kinder wie für Erwachsene ist er derzeit der wohl prominenteste Ort für Selfies. Schillernde Wasserstrahlen spritzen synchron aus dem mit zarten Marmorstäbchen ausgelegten Bürgersteig. Wer diesem Tanz nicht gebannt zuschaut, sondern den Kopf hochhebt, hat die gewaltige Silhouette von Alexander dem Großen vor sich. Der wuchtige Sockel wird von unnahbaren Kriegerfiguren gesäumt – wer zu nahe kommt, gerät in den farbenfrohen Sprühnebel des drum herum errichteten Beckens. Kaum dreht man sich um, leuchtet weiß der frische Putz des neuen Triumphbogens nebenan. Er erscheint umso kleiner als er zwischen zwei übergroßen sitzenden Schriftstellerstatuen aus Bronze gedrängt wurde.

Junge wie Alte, Touristen wie Einheimische lassen sich gerne zu einem Selfie mit dem Licht- und Wasser-Spiel des Brunnens und des Alexander-Denkmals verleiten.

Der Sockel des Alexander-Denkmals, das das umliegende Gebäudeensemble dominiert.

Der Sockel des Alexander-Denkmals, das das umliegende Gebäudeensemble dominiert.

Der neu errichtete Triumphbogen mit begleitenden Denkmälern. Im Vordergrund die Betontreppe des 1973 gebauten Einkaufszentrums „Gradski trgovski centar“, bisher ohne die „barocke“ Aufmachung.

Der neu errichtete Triumphbogen mit begleitenden Denkmälern. Im Vordergrund die Betontreppe des 1973 gebauten Einkaufszentrums „Gradski trgovski centar“, bisher ohne die „barocke“ Aufmachung.

All das war teuer – vielleicht auch zu teuer. Wenn man die vielen Bedürfnisse des Landes bedenkt, lässt einen die auf über 200 Mio. Euro geschätzte Gesamtsumme staunen – und an der Reinheit der Sache zweifeln. „Ich glaube nicht an die Geschichten über Geldwäsche“, Aleksandar macht sich stark für den konservativen Premierminister Gruevski, der die Veränderungen angestoßen hat. „Andererseits… Ich habe diesen einen Freund, der noch in einer gemieteten Wohnung lebt und sich trotzdem einen teuren Plasmafernseher angeschafft hat. Das verstehe ich nicht. Ich meine: Zuerst eine richtige Wohnung, dann Einrichtung“, pointiert er.

Neue Kleider
Das meinten auch die Bewohner anliegender Wohnhäuser, als sie gegen die Verkleidung der alten Fassaden mit „barocker“ Gipskarton-Montur protestierten. „Zuerst sollen die Gebäude endlich mal saniert werden“, erzählt der 35-jährige Photograph und Cutter Dorijan. Er ist in einem Haus direkt am Platz aufgewachsen und zeigt jetzt ortskundig die Schattenseiten der teuren „Schönheitskur“ auf: Der Anblick der Innenhöfe und Hinterhäuser katapultiert einen in die Bauzeit nach dem Erdbeben von 1963, als die zu 80 Prozent ruinierte sozialistische Hauptstadt mit viel internationalem Aufwand wiederaufgebaut wurde.

Die Bauwerke von damals ließen Skopje zu einer wahren Perle des Brutalismus werden. Doch auch sie werden jetzt einem obligatorischen Lifting unterzogen. In einem Referendum letzten Frühling sprach sich die Mehrheit der Bürger allerdings gegen die Umgestaltung eines benachbarten sozialistischen Einkaufszentrums aus. Diese steht trotzdem bevor – wegen des fehlenden Quorums, wie man sagt. Immerhin bleiben die brutalistischen Studentenwohnheime erhalten: Sie werden gerade von innen renoviert. Die Betonwände überstrich man mancherorts nur zur Hälfte mit Farbe. „Halb gestrichen und das Geld halb in die Tasche gesteckt. Typisch mazedonische Arbeit“, meint kopfschüttelnd die ältere Hausmeisterin.

Noch vor dem Referendum setzten sich Skopjaner letzten Winter für das umzugestaltende Einkaufszentrum, indem sie trotz niedriger Temperaturen eine Menschenkette bildeten.

Bald können Studenten ihre renovierten Zimmer in den alten brutalistischen Wohnheimen wieder beziehen.

Seit dem Umbau macht Dorijan – das einstige „Downtown-Kid“ – lieber einen Bogen um den Platz. Grünflächen, die noch vor einigen Jahren feste Treffpunkte für ihn und seinen Freundeskreis waren, gibt es heute nicht mehr – prächtige Laubbäume wurden gefällt. Nach wie vor prägen Baustellen die Straßenzüge, die strahlenförmig auf den Platz zulaufen. Hier und da bedecken Planen mit aufgedruckten Skizzen künftiger Fassaden die Baugerüste. Manch ein Gebäude kriegt gerade ein neues Gewand. Oder aber verliert alten Schmuck: Vom Wahrzeichen der Stadt – dem alten, halb zerstörten Bahnhof, der nach dem Erdbeben in ein Museum umgewandelt wurde – ist vor ein paar Jahren eine große Gedenktafel verschwunden. Dass das zerstörte und wiederaufgebaute Skopje gemäß Titos Worten von 1963 als „Symbol der Brüderlichkeit und Solidarität“ zu gelten hatte, liest man heute lediglich auf einer kleinen Tafel am Eingang.

„Skopje erlitt eine unerhörte Katastrophe, aber Skopje wird wiederaufgebaut werden. Mit der Hilfe unserer ganzen Gemeinschaft wird Skopje zu unserem Stolz und zum Symbol der Brüderlichkeit und der Einheit, der Solidarität Jugoslawiens und der ganzen Welt“, besagt die zweite Gedenktafel von rechts. Die einst viel auffälligere Erinnerung an das Erdbeben und an Josip Broz Tito, der diese Worte am 27. Juli 1963 sagte, geht heute eher unter.

„Skopje erlitt eine unerhörte Katastrophe, aber Skopje wird wiederaufgebaut werden. Mit der Hilfe unserer ganzen Gemeinschaft wird Skopje zu unserem Stolz und zum Symbol der Brüderlichkeit und der Einheit, der Solidarität Jugoslawiens und der ganzen Welt“, besagt die zweite Gedenktafel von rechts. Die einst viel auffälligere Erinnerung an das Erdbeben und an Josip Broz Tito, der diese Worte am 27. Juli 1963 sagte, geht heute eher unter.

Säulen und geschwungene Portale sollen künftig prägende Elemente der bisher modernistischen Fassaden werden.

Säulen und geschwungene Portale sollen künftig prägende Elemente der bisher modernistischen Fassaden werden.

Farbe bekennen
Genauso unauffällig sind andere Protagonisten des Wiederaufbaus geworden: So ist der Name des Architekten Adolf Ciborowski nicht mehr auf den Straßenschildern einer großen Magistrale zu finden. Er ist nun Patron einer unauffälligen Gasse im etwas südlicheren Teil der Stadt. Auch diese Gegend verändert sich: Die niedrige Bebauung muss immer öfter Hochhäusern weichen. „Halb Mazedonien wohnt in Skopje“, erklärt Ivana, die man mehrmals die Woche in einer der noch verbliebenen Villen treffen kann. Man spricht von 200.000 Pendlern, die neben 700.000 Bewohnern täglich die Hauptstadt bevölkern. Seit Jahren schon klagen Skopjaner über Gedränge und dicke Luft in der Stadt, die für 350.000 Menschen geplant und mittlerweile dem einstigen Wiederaufbauplan zuwider von der Bergseite stark zugebaut wurde.

Die studierte Biochemikerin arbeitet am Empfang in einem Hostel. Es sei schwierig, ohne Parteibuch eine passende Arbeitsstelle zu finden, meint sie. Zusammen mit ihrem Freund Katz setzt sich Ivana für die oft übersehenen Umweltbelange der Stadt ein – Katz ist Vorsitzender bei der NGO Proaktiva. „Es gibt immer mehr Fahrradfahrer, aber der Autoverkehr herrscht vor, es fehlt das Bewusstsein dafür“, meint er. Durch langjährige Mühen ist es Proaktiva gelungen, bei der Stadtverwaltung die Entwicklung des Fahrradwegnetzes voranzutreiben: knapp 40 km Fahrradwege zu bauen und weitere 5.000 km² mit Farbe zu markieren. Doch als im Rahmen von „Skopje 2014“ etliche Straßen verbreitert wurden (auch um den Preis der gefällten Bäume), hat man trotz opulenten Budgets keine Gelder für neue Fahrradwege vorgesehen. Seit drei Jahren versuchen Fahrradfahrer durch die monatliche Critical Mass dagegen ein Zeichen zu setzen.

Durch immer wieder aufgesprühte Stencils und Graffiti werden auch Baustellenzäune und Häuserwände zum Medium von zivilgesellschaftlichen und politischen Statements. Den vielerorts auffindbaren Hashtag #protestiram hat man während der massiven Studentenproteste im Mai und Juni dieses Jahres entwickelt. Neuerdings organisierte die kommunistische Organisation Lenka eine Kundgebung gegen die kitschigen Umbaumaßnahmen. Danilo war nicht dabei, doch er wird öfter gefragt, wenn Lenka ein Statement für Medien abgeben soll. Der 27 Jährige Jurist arbeitet in einer privaten Firma in Skopje. Gemessen am durchschnittlichen Monatsgehalt von ca. 300 Euro kann er nicht klagen. „Man muss leben“, sagt er im Ton der Rechtfertigung. Er hat nicht viel Freizeit für sein linkspolitisches Engagement, Zeit für Freundin und Sport muss auch mal sein.

Kaum ein Baustellenzaun ohne den Hashtag #protestiram („ich protestiere“), kaum ein Verkehrsmittel ohne den entsprechenden Aufkleber.

Kaum ein Baustellenzaun ohne den Hashtag #protestiram („ich protestiere“), kaum ein Verkehrsmittel ohne den entsprechenden Aufkleber.

„Gefährlich für Mazedonien“, „Ich verkaufe Mazedonien für eine Hazienda am griechischen Meer“ – die Stencils richten sich sowohl gegen den konservativen Premierminister Gruevski (oben) als auch gegen Zaev, den Anführer der sozialdemokratischen Opposition (unten).

„Gefährlich für Mazedonien“, „Ich verkaufe Mazedonien für eine Hazienda am griechischen Meer“ – die Stencils richten sich sowohl gegen den konservativen Premierminister Gruevski (oben) als auch gegen Zaev, den Anführer der sozialdemokratischen Opposition (unten).

Der Heiligenschein des Stadterneuerers trügt, meint ein Kritiker von „Skopje 2014“: Es ist vielmehr ein Clown mit einer blutiger Axt hinter dem Rücken, der ein Massaker im Stadtraum anrichtet.

Der Heiligenschein des Stadterneuerers trügt, meint ein Kritiker von „Skopje 2014“: Es ist vielmehr ein Clown mit einer blutiger Axt hinter dem Rücken, der ein Massaker im Stadtraum anrichtet.

Jetzt ist keine Spur der Demo zu erkennen. Kinder toben zwischen den regenbogenfarbenen Wasserstrahlen, auf den Bänken nebenan ruhen sich Passanten aus. Plötzlich ertönt laute Musik aus den an den Laternen angebrachten Lautsprechern und wirbelt um das riesige Alexander-Denkmal. Es beginnt ein Streifzug durch die europäische Klassik: Grieg, Chatschaturjan, Monti… „Niemand hier hört solche Musik, man hätte jugoslawisches Turbo Folk senden sollen“, ironisiert Danilo. In der Ecke des Platzes sucht sich eine Rockband gegen die Lautsprecher zu behaupten. Hier und da trifft man Straßenmusiker, die von der Stadt ausgewählt und bezahlt werden. Die miteinander konkurrierenden Lautstärken übertönen das Gespräch.

Das regierungs- und gesellschaftskritische Video zum „Oda na gadosta“ („Ode an die Perversität“) des bekannten mazedonischen Hip-Hop-Musikers DaDzaka Nakot wurde vor der neuen aufstrebenden Kulisse des Stadtzentrums aufgenommen. Aus den Medien war es dann für eine Zeitlang verbannt.

Vom Denkmal Alexanders des Großen her gesehen, bildet das neue Archäologische Museum seit Kurzem eine neoklassizistische Kulisse für den beliebten Spielort der Kinder: den neuen Springbrunnen.

Vom Denkmal Alexanders des Großen her gesehen, bildet das neue Archäologische Museum seit Kurzem eine neoklassizistische Kulisse für den beliebten Spielort der Kinder: den neuen Springbrunnen.

Volle Fahrt voraus
Etwas abseits des Platzes steht ein Karussell. Es ist neu und vom Staat finanziert. „In Italien angefertigt, aus Bulgarien importiert“, erklärt die Kartenverkäuferin in der kurzen Zigarettenpause. Jeden Tag von 9 bis 23 Uhr drehen sich die üblichen bunt bemalten Plastikpferde mit für ewig verwehten Mähnen und irren Blicken mit quietschenden Kindern auf dem Rücken. Die gestreifte Überdachung erinnert an die mazedonische Flagge und sieht wie ein rot-gelber, spieluhrvertonter Kreisel aus. In der verglasten Fassade des ausländischen Telekommunikationsanbieters nebenan spiegelt sich ein neoklassizistisches Bauwerk – das neu errichtete Archäologische Museum am anderen Flussufer. Danilo war dort noch nicht und plant auch keinen Besuch, „aus politischen Gründen“. Doch sollte die regierende Partei nicht mehr an der Macht sein, „oh ja, dann gehe ich so was von hin. Dann werde ich auf dem Platz nackt rumlaufen…!“

Nächtlicher Blick auf das populäre Karussell, vom Archäologischen Museum her gesehen. Das populäre Karussell im Stadtzentrum, vom Archäologischen Museum her gesehen.

Nächtlicher Blick auf das populäre Karussell, vom Archäologischen Museum her gesehen.

Aleksandra Luczak ist Kulturhistorikerin und Dolmetscherin mit ausgeprägtem Interesse an Osteuropa. Ihre Begeisterung für Orte und Räume – seien es Busbahnhöfe, Grenzmärkte oder zwielichtige Expats-Discos – ließ sie bisher in Reportagen für “Cafebabel” und “Europe & Me” einfließen. Den Besuch in Skopje nahm sie zum Anlass, über das Kräfteverhältnis zwischen Macht und Gesellschaft im öffentlichen Raum zu berichten.

Der Artikel wurde für cafebabel.com verfasst und wird dort auch veröffentlicht.

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