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Das wandernde E von Ob_rhausen: Zugehörigkeiten neu denken

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Von Johanna-Yasirra Kluhs

Seit vielen Jahren schon leuchtet über Oberhausen ein Leuchtschriftzug, direkt gegenüber vom Hauptbahnhof: „Oberhausen – Wiege der Ruhrindustrie“. Nur das E war schon eine kleine Ewigkeit außer Betrieb. Eine Lücke in der Selbstbenennung der Stadt, deren Entwicklung ohne Zuwanderung nicht denkbar wäre. In einem Projekt des Vereins kitev
 wurde die Neonleuchte kürzlich gemeinsam mit neuangekommenen Jugendlichen repariert – und auf Wanderung durch die Stadt geschickt.
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turmneuDas Ruhrgebiet steht exemplarisch für eine deutsche Identität, die sich konstitutiv aus multiplen nationalen Zugehörigkeiten zusammensetzt. Multipel im Sinne einer Koexistenz, aber auch im Sinne der Verwebung. Zugehörigkeiten verflüssigen zunehmend und die Geschichte der Region wäre nie möglich gewesen, wenn nicht Zugezogene sie mit gemacht hätten. Doch die Geschichtsbücher, und auch die aktuelle Berichterstattung, wird allzu häufig von Anderen geschrieben. Wie kann man also Spuren hinterlassen als problematisierte Existenz Bundesdeutschland, das sich erst nach gut 50 Jahren großer und eigeninitiierter Migrationsgeschichte als Einwanderungsland erkennen will?

Fremdheit war immer schon eine Bedingung für Erkenntnis und Veränderung. Im Rahmen einer Fachdiskussion zum Thema der Repräsentation von MigrantInnen in der deutschen Presselandschaft an der Ruhr Uni Bochum wurde vermehrt Deutschland als beinahe utopistisches neues Modell der Vereinigten Staaten bezeichnet:

3-160703-das-e-von-oberhausen-013-klMultikulturell und -lingual sei das Land und behaupte daher so eine Art von transnationaler Ordnung. Aber, wenden andere ein, die Zugänge zu Räumen der Profilierung und Mitbestimmung, symbolisch oder ganz pragmatisch, seien nach wie vor extrem limitiert. Ob im Zusammenhang von Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen, sozialem Status oder fixierter Identitätserzählungen: Zugewanderte in Deutschland leiden nach wie vor unter einer strukturellen Benachteiligung. Wir können aktuell beobachten, wie Ordnungen von Benachteiligung und Privileg entsteht. Und wir können auch erkennen, wie sich die Bildung identitärer Narrative beinah automatisch vollzieht: Schon sind aktuell Zugewanderte in der Rolle des ewig Geflüchteten gefangen. Auch wenn diese Rolle oftmals von Aufmerksamkeit und Sorge geprägt ist: Sie legt fest. Und sie erkennt den Benannten niemals als selbstverständlichen Teil der eigenen Umgebung an.

2-160630-fk4-hochhaus-099-klHier setzen kitev ein mit ihrer informellen Wanderung des „E“ durch Oberhausen. Seit vielen Jahren schon leuchtet über Oberhausen ein Leuchtschriftzug, direkt gegenüber vom Hauptbahnhof: „Oberhausen – Wiege der Ruhrindustrie“. Oberhausen fehlt das leuchtende E, eine Lücke in der Selbstbenennung der Stadt. Womöglich aus dem Mangel der Notwendigkeit einer Selbstvergewisserung: Bereits seit einigen Jahren leuchtet das „E“ nicht mehr bei Nacht.

Christoph Stark und Agnieszka Wnuzak sehen in der Lücke das Potenzial, neue Wege zu gehen: Kurzerhand beschließen sie, die Neonleuchte gemeinsam mit neuangekommenen Jugendlichen zu reparieren. Und das zeitgleich zur Gründung von Bürgerforen und steigender Angst vor Überfremdung in der deutschen Öffentlichkeit. Seit einigen Monaten schon erproben die beiden dagegen kollaborative Arbeitsverfahren mit ihrer Gemeinschaftsküche: Der Foodtruck Ellie firmiert als “Refugees’ Kitchen” dafür, dass „der einfachste Weg uns eigentlich nicht interessiert“, so Christoph Stark. „Wir wollen nicht an den Problemen bauen, sondern an Lösungen. Klar ist es schwieriger, zusammen zu arbeiten, zu sein, zu denken, wenn man keine Sprache teilt und sowieso ungleiche Voraussetzungen hat, aber für die zukünftige Gesellschaft, in der wir ja im Grunde jetzt schon leben, sind inklusive und empowernde Strukturen zentral.“

Und so scheint die Wanderung aktuell die Bewegungsform der Stunde. Auch das reparierte „E“ zieht als Sinnbild für einen neuen Blick auf sich selbst mit seinen Bauherren durch die Stadt. Über Parkplatzdächer, Aussichtspunkte, Flüchtlingsunterkünfte, erste eigene Wohnungen. Und spätestens in dieser Bewegung spricht es plötzlich über viel mehr als kollaborative Mängelbehebung: über Identifikation, Stolz und Zugehörigkeit und vergessene Orte in der eigenen Stadt. Es wird zur Kunst, „die ja immer ein bisschen mehr kann“, sagt Stark. Und dann zum Anlass, genau darüber zu sprechen. Über Kunst. Die sich nicht versteht als exklusives Spezialwissen für einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft, sondern als Teil einer sozialen Plastik, die jede/n TeilnehmerIn wertschätzt und involviert. Womit wir dann bei Beuys wären. Und auch bei den möglichen Fortgängen des Projekts. Da schwebt es kitev vor, den gesamten Schriftzug gemeinsam mit RegelschülerInnen aus dem örtlichen Berufskolleg zu renovieren, da das neue „E“ ja heller strahlen wird als die beinah historischen Buchstaben. Und das gegenüberliegende Hochhaus, das als Problemhaus in den Lokalzeitungen besprochen wird, könnte eigentlich auch dringend einen neuen Text gebrauchen. Köpfe zusammenstecken und los!

Der Artikel ist zuerst in der Publikation WITH! unter dem Titel “Gemeinsam Unterwegs – Das E von OB_RHAUSEN” erschienen.

MitOst und kitev kennen sich seit 2010: Durch Begegnungen und erstes Zusammenarbeiten in einem von MitOst initiierten und durch “RUHR.2010” inspirierten Projekt zu internationaler kulturpolitischer und künstlerischer Vernetzung. kitev war als Team von KünstlerInnen und KulturmanagerInnen auch Teil der ersten Tandem-Programmrunde “Ukraine – Europäische Union – Moldau”. Der von kitev 2013 erschaffenen Residenz- und Arbeitsraum im Bahnhofsturm Oberhausen hat des Öfteren für internationale Zusammenkünfte von MitOst-Projekten gedient.

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