Beyond the News

A MitOst Blog


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Rom in mir – Shadow Visit beim March for Europe

Ein Beitrag von Maxim Filimonov, der im März 2017 im Rahmen der MitOst20-Lotterie für Mitglieder eine Hospitation zum Advocate Europe Workshop in Rom gewann.

Ich war noch nie in Rom, aber natürlich war Rom schon immer in mir – untrennbarer Bestandteil der phantastisch klingenden und einladenden Dreiheit “ParisBerlinRom” – für einen Jungen, der ein Städtchen im Ural bewohnte, ein absolut unerreichbares Phantom, dessen undeutliche Konturen man sich mit jedem Mal neu ausdenken kann. Aber wenn ich genauer überlege, was wusste ich über Rom? Die ewige Stadt, die bleibende Stätte der Päpste, das Kolosseum, der Filmklassiker “Roman Holiday”. Nun ja, nicht eben viel.

Viele Jahre sind vergangen, viele Länder und Städte durchreist, das Wort “Rom” ist schon leicht verwischt, hat seine unmittelbare sehnsuchtsvolle Unerreichbarkeit verloren, steht in einer nicht enden wollenden Reihe mit Namen anderer großer und staubiger Städte; die Lust sich dort wiederzufinden wurde so selten, dass sie im Endeffekt ganz verschwand. Es sah so aus, als ob Rom für mich eine Fata Morgana bleiben sollte, eine Phantasie aus der Kindheit. Doch dabei blieb es nicht! Das Mosaik des Lebenskaleidoskops fügte sich, und in der nächstfolgenden Lotterie (danke, MitOst!) zog eine Hand einen Zettel mit meinem Namen. Ich fahre nach Rom. Unglaublich!

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„Katalysator für lokale Akteure“ – der MitOst-Festival-Effekt in der Ukraine

Interview mit Alona Karavai, von Darius Polok

MitOst ist in Ivano-Frankivsk – der Gastgeberstadt des MitOst-Festivals 2015 – weiterhin engagiert und entwickelt als Partner von
Teple Misto einen „trans-sektoralen Lernort“ auf dem Gelände der ehemaligen Fabrik “Promprylad”. Anfang März 2017 besuchten im Rahmen einer Kooperation des Bosch Alumni Networks Kolleginnen und Kollegen aus Athen, Lissabon und London das Projekt und unterstützten Alona Karavai (MitOst) und Yuriy Fylyuk (Teple Misto) bei einer Diagnose der Örtlichkeit als zukünftiges nachhaltiges „Ökosystem“.

Darius Polok, Koordinator des Bosch Alumni Networks, kam bei dieser Gelegenheit mit Alona Karavai über die Wirkung des MitOst-Festivals vor zwei Jahren ins Gespräch.

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Das wandernde E von Ob_rhausen: Zugehörigkeiten neu denken

Von Johanna-Yasirra Kluhs

Seit vielen Jahren schon leuchtet über Oberhausen ein Leuchtschriftzug, direkt gegenüber vom Hauptbahnhof: „Oberhausen – Wiege der Ruhrindustrie“. Nur das E war schon eine kleine Ewigkeit außer Betrieb. Eine Lücke in der Selbstbenennung der Stadt, deren Entwicklung ohne Zuwanderung nicht denkbar wäre. In einem Projekt des Vereins kitev
 wurde die Neonleuchte kürzlich gemeinsam mit neuangekommenen Jugendlichen repariert – und auf Wanderung durch die Stadt geschickt.
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Tbilisi – Zwischen zwei Welten

Vom 5. bis zum 9. Oktober 2016 ist das Internationale MitOst-Festival zu Gast in Georgiens Hauptstadt Tbilisi. In diesem Jahr wird die Vielfalt gefeiert – in unserem MitOst-Netzwerk, in Europa, in Tbilisi. Erste Eindrücke aus der georgischen Hauptstadt.
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Ein Artikel von Margalita Japaridze (Festivalteam), zuerst erschienen in MitOst Magazin #28
Fotos: David Mirvelashvili, Aki Green

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Krieg:Spielen in der Ukraine – ein Fotoessay

Den Krieg spielen, spielerisch bekriegen, kriegerisches Spielzeug, bespieltes Kriegszeug.
Artikel und Fotos von Karsten Michael Drohsel

Ich bin in der glücklichen Situation, öfters in der Ukraine zu sein. Bei diesen Reisen und Arbeitsaufenthalten ist mir aufgefallen, dass es in ukrainischen Läden überproportional viel Kriegsspielzeug gibt und dass die Panzer und Waffen im öffentlichen Raum von Kindern gerne bespielt werden – meist animiert von den Eltern, die dann stolz Fotos machen.
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Kreativkreis und Bonanza – über kulturelle und sprachliche Grenzen hinweg | Deutschland

Die meisten Flüchtlinge haben Skandinavien und Deutschland als Ziel. Wie sieht die Situation aus, nachdem sie die Erstaufnahmeeinrichtungen verlassen haben? Wie leben Deutsche aktive Bürgerschaft, um ihnen bei der Integration zu helfen und welche Erfahrungen machen sie damit? Martin Hofmann hat eine ehrenamtliche Helferin in Griesheim dazu interviewt. Anne wohnt in Griesheim, einer Kleinstadt im Rhein-Main-Gebiet in der Nähe von Darmstadt.

Guten Morgen! Was sollten unsere Leser über dich wissen?
Ich heiße Anne und lebe in Griesheim, wo ich auch aufgewachsen bin. Meine Mutter ist Amerikanerin, mein Vater ist Deutscher. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Von Beruf bin ich Lehrerin an einem Gymnasium. Dort unterrichte ich Englisch, meine Muttersprache, und Religion, meine Herzensangelegenheit, da ich schon seit meiner Kindheit in der evangelischen Kirche aktiv bin.

Neben deiner Arbeit und deiner Familie leitest du auch ehrenamtlich einen Kreativkreis für Frauen, die gerade nach Deutschland geflohen sind. Wie bist du dazu gekommen?
Zum einen bin ich selbst gerne kreativ, zum anderen habe ich immer wieder beobachtet, dass Frauen überall auf der Welt Freude daran haben gemeinsam Handarbeiten zu machen. Dabei sitzen sie zusammen und schwätzen. In Italien gibt es sogar ein Wort für eine Klöppelspitze, die heißt chiacchierata und das bedeutet „Geschwätz“. Das gemeinsame Handarbeiten ist offenbar ein Konzept, das um den ganzen Globus funktioniert.

Ich habe mich dann gefragt, ob ich so etwas auch für die Frauen unter den Flüchtlingen in Griesheim anbieten kann. Denn der Großteil der Geflüchteten hier sind Männer und für sie gibt es Angebote wie Fußball, Fahrrad fahren usw..
Für die Frauen gab es nichts. Und so entstand die Idee, gemeinsam mit anderen Frauen, die auch gerne Handarbeit machen und die etwas für die Flüchtlinge tun wollen, einen Kreativkreis zu initiieren. Wir haben uns gesagt: „Wir machen einen Kreis, wo wir einfach das tun, was Frauen auf der ganzen Welt sowieso schon machen. Wir laden diese Frauen ein und machen zusammen Handarbeit.“

Und wie wurde diese Idee angenommen?
Sehr gut. Das Material, inklusive Nähmaschine haben wir erstaunlicherweise sofort gespendet bekommen. Am Ende wurde so viel gespendet, dass die Lagerung zur Herausforderung wurde. Seit dem finden die Treffen alle zwei Wochen in unserer Kirchengemeinde statt. Den Ort haben wir sehr bewusst gewählt, wir wollten ein Zeichen der Kirchen setzen – wir sind ein Anlaufpunkt für Menschen und setzen uns für sie ein.

Wir laden nur Frauen ein, weil die meisten von ihnen aus Kulturen stammen, in denen Frauen und Männer im Alltag stark getrennt sind. Wir schaffen damit einen sicheren Raum und es herrscht untereinander eine Vertrautheit, die sonst nicht so leicht entstehen würde – trotz Sprachbarrieren. Zum Kreativkreis kommen auch Mütter, die teilweise ihre Kinder mitbringen. Sie sind uns besonders wichtig. Wir wollen ihnen zwei Stunden alle vierzehn Tage bieten können, in denen sie etwas für sich machen können, ohne sich ständig um ihre Kinder zu kümmern.

Ab und zu bekommen wir auch Besuch von einem Mann, der Schneider in Afghanistan war, doch sobald er dabei ist sind die Gespräche ganz andere und auch die Frauen verhalten sich anders.

Der Kreativkreis war zuerst als Projekt bis zum Sommer geplant. Es hat dann so einen Anklang gefunden, dass wir es zum festen Programmbestandteil gemacht haben. Unser Team ist übrigens ökumenisch, es arbeiten also Frauen aus der katholischen, der evangelischen Kirche und der Freikirchen zusammen. Und das funktioniert sehr gut.

Wie kann man sich so ein Treffen im Kreativkreis denn vorstellen?
Wir sind insgesamt sieben Frauen in unserem Team. Wir bereiten alles vor und fahren auch zu der Flüchtlingsunterkunft und holen die Frauen dort ab. Manche finden noch nicht den Weg zu uns und andere brauchen den persönlichen Kontakt als Motivation. Das ist ein relativ großer logistischer Aufwand, den wir aber gerne betreiben damit die Frauen zu uns kommen.
Mein zehnjähriger Sohn kocht Tee für die Frauen. Diese Aufgabe ist ihm sehr, sehr wichtig weil er so das Gefühl hat, dass er auch etwas tun kann. Er bekommt durch die täglichen Nachrichten mit, wie schlecht es vielen Flüchtlingen geht.
Zu Beginn des Kreativkreises singen wir immer gemeinsam. Mit Hilfe von Bildern stellen wir uns danach den neuen Frauen in der Gruppe vor und warum wir diesen Kreis anbieten. Wir erzählen auch unsere Beweggründe, als Frauen und als Christinnen mit verschiedenen Hintergründen.

Und dann geht es los. Die Frauen fangen an zu nähen, zu basteln, zu stricken, zu schneidern.

Bei unseren Treffen stoßen wir auf beiden Seiten immer wieder auf kulturellen Ungewöhnlichkeiten. Für die Frauen ist es ungewöhnlich, dass wir immer zur verabredeten Uhrzeit beginnen, auch wenn oft noch Frauen später hinzukommen. Für uns ist es ungewöhnlich, dass im Schnitt bestimmt fünf Stücke Zucker in einer Teetasse laden, weshalb mein Sohn zu Tee und Gebäck immer eine riesige Schüssel mit Zucker auf den Tisch stellt.


Arbeitet ihr gemeinsam an Projekten oder macht jede Frau, worauf sie Lust hat?
Wir finden es wichtig, dass wir etwas gemeinsam machen. Bei jedem Treffen haben wir ein bestimmtes Projekt. Wir nähen ein Schlüsselband, ein Lavendelsäckchen, einen Handtuchturban, eine Dokumentenmappe oder wir basteln Schultüten für Flüchtlingskinder. Wir erklären das Projekt zu Beginn und zeigen auf Bildern, wie es funktioniert und dann machen wir das zusammen. Und dann setzen wir es gemeinsam um. Einigen Frauen müssen wir gar nicht helfen, andere brauchen dagegen sehr viel Hilfe, weil sie beispielsweise zum ersten Mal eine Schere in den Händen halten.

Du hast vorhin Sprachbarrieren erwähnt. Wie verständigt ihr euch mit den Frauen und auch die Frauen untereinander? Wie funktioniert die Kommunikation bei euren Treffen?
Wir versuchen so gut es geht miteinander ins Gespräch zu kommen. Auch hier ist es ganz unterschiedlich: Einige Frauen sprechen schon ein wenig Deutsch, andere sprechen Englisch. In der Regel funktioniert es ganz gut, wenn auch manchmal über „Umwege“ und in Gruppen. Wir haben ein Sprachtandem mit einer Frau aus Eritrea und einer Frau aus Somalia, die sich auf Italienisch miteinander unterhalten. Die Eritreerin hat sechs Jahre in Italien gelebt bevor sie nach Deutschland kam. Und die Frau aus Somalia war drei Jahre lang in einem Flüchtlingslager in Kalabrien in Süditalien. Das ist sehr wertvoll, weil es für uns die einzige Möglichkeit ist, mit der Eritreerin zu sprechen, sie kann weder Deutsch noch Englisch. Ich spreche glücklicherweise einigermaßen gut Italienisch und kann mich so mit ihr unterhalten.

Worüber unterhaltet ihr euch?
Wir unterhalten uns wenig über ganz persönliche Themen. Wir fragen ganz bewusst nicht nach der Flucht, wir wollen dass die Frauen nur darüber reden, wenn sie es von sich aus möchten. Natürlich fragen wir sie trotzdem, wie es ihnen geht, fragen nach ihren Kindern, wie die Unterkunft ist und wie es mit den Behörden läuft.

Und es ergeben sich natürlich typische Gespräche. Die Frauen bemerken, dass eine von uns Diät hält und fragen „Du dünner?“. „Ja, ich habe fünf Kilo abgenommen“, und dann fragen die Frauen „Wie du machen? Sport und keine Schokolade?“. Das sind offenbar ganz universale Themen, genauso wie beispielsweise Kinder und Schwangerschaft. Fast jede hat eine Geschichte beizutragen und erzählt mit Händen und Füßen. Erst vor kurzem hatten wir eine lustige Begebenheit: Das Handy einer Deutschen aus unserem Team klingelte und spielte dabei die Bonanza-Melodie. Alle Frauen fingen an zu lachen und sagten: „Oh, Bonanza.“ Und auf einmal gab es da etwas, das uns verband, weil wir es alle kannten. Selbst so etwas Banales wie Bonanza kann eine gemeinsame Basis schaffen. Irgendwie funktioniert das also immer mit der Kommunikation.

Selbst die Frauen aus Eritrea oder Afghanistan kannten Bonanza?
Ja natürlich, auch sie kannten Bonanza.

Wie viele Frauen kommen zum Kreativkreis?
Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal sind es dreizehn Frauen und manchmal nur fünf. Die Gruppe verändert sich, einige kommen öfter und wir kennen ihre Namen, andere Frauen sind schon abgeschoben worden.

Wie viele Flüchtlinge sind momentan in Griesheim?
In der Unterkunft leben im Moment 180 Personen. Soweit ich weiß, sind 80 % von ihnen Männer. Von den Flüchtlingen haben viele, die bleiben dürfen inzwischen auch eine eigene Wohnung. So sind es bestimmt insgesamt über 200 Flüchtlinge, die in Griesheim leben. Und Griesheim hat 30.000 Einwohner.

Ihr macht diese Arbeit ja ganz bewusst als Frauen aus den verschiedenen christlichen Kirchen. Kannst du sagen, wie sich die deutschen Kirchen zur Flüchtlingssituation äußern?
So viel bekommen wir nicht mit. Bei uns in der Gemeinde besteht große Bereitschaft Flüchtlingen zu helfen. Ich weiß, dass der Arbeitskreis Asyl in Griesheim sagt, ohne die Unterstützung des ökumenischen Helferkreises hätten sie große Probleme. Für unsere Arbeit im Kreativkreis bekommen wir einen finanziellen Zuschuss von der evangelischen Kirche, weil wir ökumenische arbeiten und uns für Flüchtlinge einsetzen.

Von der katholischen Kirche weiß ich, dass Papst Franziskus dazu aufgefordert hat, dass jede katholische Kirchengemeinde eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen soll. Und er praktiziert das auch selbst, zwei Flüchtlingsfamilien haben nun ein Zuhause im Umfeld der zwei Kirchen des Vatikans gefunden.

Und wie reagieren die Menschen in Griesheim auf die ankommenden Flüchtlinge?
Da schlagen bei den meisten zwei Seelen in einer Brust, zum einen sagen sie „Natürlich müssen wir ihnen helfen!“ Viele bringen dabei auch eigene oder familiäre Erfahrungen von der Flucht nach dem zweiten Weltkrieg mit. Zum anderen gibt es aber Ängste vor behördlichen Hürden. Es gibt Ängste vor den Differenzen der kulturellen Hintergründe, gerade im Hinblick auf die vielen männlichen Flüchtlinge. Und viele sind verunsichert, weil der größte Anteil der Flüchtlinge muslimisch ist. Diese Ängste spüre ich auch manchmal in mir, und sie sollten klar benannt werden, so dass sie mich nicht von meinem Einsatz für die Frauen abhalten.

In Deutschland leben ja schon länger Muslime zum Beispiel aus der Türkei oder auch aus dem Balkan. Warum denkst du, kommt nun trotzdem diese Angst auf, obwohl man im Alltag den Kontakt ja eigentlich schon gewohnt ist?
Ich denke, einerseits über die Medien. Andererseits hatten wir in unserer Gegend teils sehr aggressive missionarische Einsätze von Salafisten auf großen öffentlichen Plätzen und das ist eine Sache, die man im Auge behalten sollte.

Deine Mutter ist Amerikanerin, gibt es in deiner Familie sonst noch Erfahrungen mit Migration oder Flucht?
Ja, mein Vater musste 1945 mit seiner Familie aus dem Osten in den Westen Deutschlands fliehen. Er weiß, wie es ist seine Heimat verlassen zu müssen. Und auch meine Mutter kann gut nachvollziehen, wie es ist, nach Deutschland zu kommen – die Sprache nicht zu sprechen und die Menschen nicht verstehen zu können.

Zum Schluss: Was sind deine schönsten Momente im Kreativkreis?
Ich freue mich jedes Mal, wenn eine der Frauen eine Bastelei fertig hat. Wenn ich das sehe, gehe ich hin und halte es hoch und sage zum Beispiel: „Eine Stofftasche ist fertig.“ Und dann ist es mittlerweile Tradition, dass der ganze Raum applaudiert. Das ist eine Sprache, die versteht jeder.


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Belarus’ progressivste Aktivisten: Die „Zmahary“

Ein Artikel von Konstanty Chodkowski, entstanden im Rahmen des Projekts belarus-votes.org, Erstveröffentlichung auf dem gleichnamigen Blog.

Manche halten sie für Nationalhelden. Für Andere sind sie Ziel von Witzen und Objekt der Häme. Manchmal werden sie als belarussische Hardliner dargestellt, ein anderes Mal als Nationalisten und Internet-Trolle. Bühne frei für die „Zmahary“.

Es ist ein entspanntes abendliches Gespräch in der kleinen Küche einer typisch sowjetischen Plattenbauwohnung. Sie liegt im Zentrum von Vitebsk im Osten von Belarus. Bei der zweiten Tasse Tee beginnt Irina, eine junge belarussische Studentin, die Geschichte der „Zmahary“ und ihrer Tradition zu erzählen. Das Wort kommt vom belarussischen Verb „змагацца“, was „kämpfen“, „ringen“ oder „um etwas kämpfen“ bedeutet. Ihre Tätigkeit nennt sich dementsprechend „Zmaharstvo“ – „zmaharen“, oder ganz einfach „kämpfen“. Aus der Sicht der „Zmahary“ bedeutet das, alles in ihrer Kraft Stehende zu tun, um das von allen erträumte Ziel zu erreichen: In einem freien und unabhängigen Belarus zu leben. Allerdings halten viele Leute dieses Phänomen für ein weiteres Beispiel demokratischen machtlosen „Trollings“, vor allem im Internet.

Ein „Zmahar“ zu sein bedeutet, nicht mit dem gegenwärtigen autoritären Regime einverstanden zu sein und auf jede denkbare Weise gegen es zu agieren. Diese Definition zog vor kurzem als „Zmahar-Manifest“ auf dem viel besuchten Blog „1863x“ weite Kreise. Sie besagt: „Wir wollen uns weder an dieses Regime anpassen noch ihm dienen. Wir wollen unser Leben selbst kontrollieren. Wir wollen nicht unter irgendeinem Herren leben. Wir brauchen nicht mehr als Würde und Freiheit.“

Ein Treffen mit einem „Zmahar“

Vova im Zentrum für Moderne Kunst in Vitebsk (Foto: Marco Fieber)

Vova im Zentrum für Moderne Kunst in Vitebsk (Foto: Marco Fieber)

Es ist nicht schwer, „Zmahary“ im Alltag zu finden. Wir haben Vova gefunden. Auf den ersten Blick scheint er eine undefinierbare Mischung zwischen einem politisch verrückten, einem äußert engagierten und einem alternativen Aktivisten zu sein. Aber nach einiger Zeit wird das Bild schärfer. Vova ist ein normaler junger Mann, der seit seiner frühen Kindheit in Vitebsk lebt. Er ist recht jung, wirkt seriös, ist gut ausgebildet, erfahren und hat gerade begonnen, im örtlichen Museum zu arbeiten. Ungewöhnlich an ihm ist, dass er konsequent Belarussisch spricht, auch dann, wenn seine Freunde ihn etwas auf Russisch fragen. Das durchzuhalten muss schwierig sein. Besonders in Vitebsk, wo fast jeder im Alltag Russisch spricht.

Vova beschreibt sich selbst als Kulturmanager, nicht als politischen Aktivisten. „Meine Lebenserfahrung dreht sich vor allem um das Organisieren von Kultur- oder Großveranstaltungen in der Stadt. Konzerte, Festivals und Bankette – das ist mein täglich Brot.“ Worin besteht aber bei solchen Tätigkeiten das „Zmaharstvo“?

Im Gespräch mit dem Autor (Foto: Marco Fieber)

Im Gespräch mit dem Autor (Foto: Marco Fieber)

Das Zentrum für Moderne Kunst in Vitebsk – Vova zeigt uns seinen Arbeitsplatz. Das Museum ist im Zentrum der Stadt zu Hause, in einem alten Gebäude aus der Zarenzeit. Auf den ersten Blick scheint es ein ruhiger und friedlicher Ort zu sein. Dieser Eindruck ändert sich, sobald man die Räume betritt. Jeder von ihnen ist voll von Kunstobjekten unterschiedlichster Art, die auf vielfältige Weise gestaltet und arrangiert wurden. Jede Ecke ist voll von Gemälden, jede Wand voller Farbe. Man spürt den Geist künstlerischer Rebellion. Auf so kleinem Raum hat man es geschafft, eine gut organisierte Kunstwerkstätte, mehrere Ausstellungsräume, eine Dauerausstellung und sogar einen Verkaufsraum einzurichten.

„Wir wollen nicht, dass diese Stadt langweilig ist“

Dieser Ort wurde von Vovas Freunden, anderen „Zmahary“, ins Leben gerufen. Sie haben damals bei Null angefangen. Ein leeres verfallendes Gebäude – das war alles, was sie zu Beginn hatten. Vova bestreitet, für den Staat zu arbeiten, der Ausdruck mit dem Staat ist ihm lieber: „In den vergangenen Jahren musste ich lernen, zu kooperieren“. Aber „kooperieren“ bedeutet nicht „aufgeben“, fügt er hinzu. Es bedeutet eher, „einen effektiveren und konstruktiveren Weg zu wählen, die uns umgebende Realität zu verändern“. Genau das tut er, indem er ein modernes, europäisches Kunstzentrum in der dafür unvorteilhaften belarussischen Umgebung betreibt. Keine zusätzlichen Fördermittel, keine moderne Finanzierung. Nur eine finanziell schlecht ausgestattete staatliche Einrichtung. „Die Arbeit ist sehr hart, aber wir wollen nicht, dass diese Stadt langweilig ist. Jeder Bürger hat das Recht, Kultur auf dem gleichen Niveau zu konsumieren, wie man das in Paris oder Berlin tut“, sagt er.

„In Belarus kann man machen was man will – aber keine Politik“

Vova macht uns mit einem seiner Freunde bekannt. Vitali war früher politischer Aktivist, er wurde vom Regime verfolgt, jetzt arbeitet er an seiner Geschäftsidee und ist zusammen mit Vova im zivilgesellschaftlichen Projekt „Vitebsk4Me“ tätig. Vitali begrüßt seine Gäste in seiner kurz vor der Eröffnung stehenden Bar, die im Stil eines Irish Pub gehalten ist. Noch erinnert die Atmosphäre aber an das Zentrum für Moderne Kunst: ein kreatives Chaos.

In seinem zukünftigen Pub: Vitali (Foto: Marco Fieber)

In seinem zukünftigen Pub: Vitali (Foto: Marco Fieber)

Bis dahin war es ein langer Weg. Zusammen mit seinen Freunden war Vitali in mehreren linken alternativen Bewegungen tätig. Dann schloss er sich Alexander Milinkiewitschs Team für den Präsidentschaftswahlkampf 2006 an. Danach wurde er Opfer politischer Verfolgung. Einige Male wurde Vitali wegen illegaler politischer Aktivitäten verhaftet. Nach diesen Erfahrungen beschloss er, seine Vorgehensweise zu ändern, und aus dem politischen Aktivisten wurde ein professioneller Manager. Jetzt sieht sich Vitali als Künstler und Eventmanager. Er investierte Zeit und Geld, um eine konstruktive zivilgesellschaftliche Organisation aufzubauen, aus der bald schon ein florierendes Geschäft wurde. Viele andere „Zmahary“ beschritten ähnliche Wege.

Mehr als Trolling

Es braucht nicht viel Zeit um festzustellen, dass die „Zmahary“ sich auch Hohn und Spott ausgesetzt sehen, vor allem im Internet. Einer der beliebtesten Witze über sie ist folgender: „Wie viele ,Zmahary’ braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? – Keinen einzigen, denn ,Zmahary’ können gar nichts ändern“. Dieser Sichtweise liegt das Stereotyp des Oppositionellen, der vor allem während politischer Meetings und in den sozialen Netzwerken aktiv ist, zugrunde. Sie zeichnet das Bild von Aktivisten, die mit aller Kraft die gegenwärtige belarussische Obrigkeit kritisieren, ohne konkurrenzfähige politische Ideen zu haben. Ihre Aktivitäten werden für „politisches Trolling“ erachtet. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Die „Zmahary“ haben nur die Strategie geändert, mit der sie die Gesellschaft wandeln wollen. Was Vova, Vitali und viele andere „Zmahary“ in Belarus verbindet, ist ihr starker Wille, dieses Land lebenswerter zu machen.

Junge Künstler aus Vitebsk bei der Realisierung ihrer neuesten Kunstwerke. (Foto: Marco Fieber)

Junge Künstler aus Vitebsk bei der Realisierung ihrer neuesten Kunstwerke. (Foto: Marco Fieber)

Es ist nicht wichtig, ob ihre Tätigkeit sich um die Errichtung eines Kulturzentrums oder eines prosperierenden Pubs dreht. Alles was sie tun ist auf die Idee von tief greifendem Wandel ausgerichtet. Das ist die Essenz des „Zmaharstvo“ – neue Räume für Freiheit und Zivilgesellschaft, für echte soziale Entwicklung zu schaffen. In einem Land wie Belarus sind sie dabei auf sich allein gestellt. Um effektiver zu sein, müssen sie alle klassischen Methoden des politischen Kampfes beiseite legen. Wie Vitali sagt: „Man kann nicht im permanenten Kriegszustand mit der Regierung leben. Früher oder später wirst du einsehen, dass du auf Kompromisse angewiesen bist, damit alles funktioniert.“

Konstanty Chodkowski ist Journalist bei Eastbook.eu und Mitglied der Polnischen Geopolitischen Gesellschaft.

Das Projekt “Belarus Votes: 2015 Election Blog” wurde im Rahmen der MitOst-Mitgliederprojekte gefördert. Ein fünfzehnköpfiges Redaktionsteam bestehend Studierenden, jungen JournalistInnen und WahlbeobachterInnen aus Belarus, Deutschland und Polen reiste im Oktober 2015 nach Belarus, um vor Ort über die Präsidentschaftswahl und die aktuelle Situation im Land zu berichten. Die dabei entstandenen Reportagen, Analysen und Interviews erschienen auf www.belarus-votes.org. Die Beiträge wurden sowohl in deutscher, englischer, polnischer als auch in russischer Sprache verfasst.


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Fotowettbewerb “osteuropa.im.blick”

Das Kompetenzzenturm für Mittel- und Osteuropa Leipzig KOMOEL rief anlässlich der Osteuropa Thementage in Leipzig zu einem Fotowettbewerb auf. Aus über 60 Einsendungen wurden die besten drei Beiträge ausgewählt. Wir gratulieren den Gewinnern ganz herzlich! Alle Einsendungen und die Gewinner-Motive zeigen wir hier:

Artem Kouida - Jelez (RUS)

Artem Kouida – Jelez (RUS), 2010

1. Preis: Artem Kouida

„Ich bin 1983 in der weißrussischen Hauptstadt Minsk geboren. Ich habe an der Universität Trier Geschichte, Romanistik und Slavistik studiert und arbeite jetzt als Historiker und freier Journalist. Das Foto entstand 2010 in der russischen Provinzstadt Jelez, als ich den lokalen Mäzen besucht habe, der gerade sein Museum der Geschichte der KPSS eröffnete. Meiner Meinung nach gibt das Foto die gegenwärtige Stimmungslage in Russland wieder, obwohl 5 Jahre seitdem vergangen sind. Die Erinnerungen an die ‚schöne, heile Sowjetwelt’ lassen die Menschen immer wieder in die schön geredete Vergangenheit schauen, während dessen die Gegenwart an ihnen vorbeiläuft und die Zukunft auf ein absolutes Desinteresse stößt.“

Sascha Möllering - Tara_Drina (BiH_Montenegro)-1994

Sascha Möllering – Tara Drina (BiH_Montenegro)-1994

2. Preis: Sascha Möllering

„Ich bin Berliner, Jahrgang 74, begeisterter Radfahrer; nach einem schweren Mountainbike-Unfall weitgehend arbeitsunfähig, Blogger und Tourguide für Berlin on Bike, habe einen eigenen Blog unter 60seconds.eu, dauerhaft von Fernweh geplagt.
Das Bild ist entstanden auf einem 3-wöchigen Roadtrip durch Bosnien und Montenegro, meiner ersten Osteuropa-Erfahrung. Ich bin immer wieder sprachlos angesichts der Schönheit der Natur auch vor unserer Haustür und hier fand ich das Zusammenspiel von Bergen, Wasser und Himmel einfach atemberaubend und ein klein wenig mystisch, wie ein Versprechen auf Geheimnisse und Geschichten, die in den Wäldern darauf warten aufgedeckt zu werden. Was uns auf unserem Trip immer wieder begegnet ist, sind die Folgen des Zerfalls Jugoslawiens, insofern hat das Bild für mich eine gewisse Symbolik, da hier nicht nur zwei Flüsse zusammenfließen, sondern sich zwei Länder berühren die eigentlich mehr eint als trennt, sollte man meinen. Und dennoch; um das rechte Flussufer zu erreichen muss man gründliche Grenzkontrollen mit langen Wartezeiten über sich ergehen lassen, etwas dass mir zumindest in Europa zunehmend anachronistisch vorkommt.“

Peter Koller - Zeitsprünge - Kuznetsovsk (Ukraine), 2011

Peter Koller – Zeitsprünge – Kuznetsovsk (Ukraine), 2011

3. Platz: Peter Koller 

„Ich bin Jahrgang 1970, geb. in Mainz, lebe seit 2004 in Berlin und betreibe dort ein Reisebüro für Bahnreisen, wobei Osteuropa einen Schwerpunkt darstellt (bahnagentur-schoeneberg.de). Mit der Ukraine beschäftige ich mich seit 1992 zunächst im Rahmen von Reisen mit Zelt, Rucksack und Fahrrad.
Das Bild entstand im Rahmen eine Recherchereise zur Erstellung eines Reiseführers über die Ukraine für den Verlag Reise Know How, Bielefeld, der leider aufgrund der politischen Situation in der Ukraine bislang nicht erschienen ist. Bei dieser Reise von Ende Oktober bis Anfang November 2011 war ich mit einem Mietwagen unterwegs und erkundete die nordwestliche Polissia (Oblaste Rivne, Lutsk und Zhytomyr) und hatte in Kuznetsovsk übernachtet. So früh auf den Beinen war ich ebenfalls aus fotografischen Gründen: Zu einer bestimmten Uhrzeit überquert ein Personenzug eine nahegelegene hölzerne Brücke einer Schmalspurbahn. Das hier eingesendete Bild war jedoch ein absolutes Zufallsprodukt.“


 


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Die andere Seite | Griechenland

Ein Artikel von Steffi Gläser. Die Autorin besuchte Athen im Rahmen der MitReise vom 30. Oktober bis zum 4. November 2015.

„Wenn man heute über Europa spricht, dann muss man über Griechenland sprechen. Hier kristallisieren sich die drängendsten Probleme der EU heraus: Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Vertrauenskrise.“ So ähnlich hat es Julia gesagt, die Sankt Petersburgerin, die wir zufällig im Zentrum Athens treffen. Genau darüber wollen wir sprechen, und zwar nicht am heimeligen Kneipentisch in Deutschland, sondern direkt in Athen, mit Athenern.

Eingeladen hat uns Loukas, ein Athener, der auch in Berlin lebt und in Weimar promoviert. Seine Kenntnisse der deutschen Sprache, sein Wissen zur griechischen und deutschen Politik und Geschichte und seine ausgezeichnete Ortskenntnis von Berlin und Athen sind der Schlüssel zu einer Bildungsreise der besonderen Art. Wir erkunden die Arkaden der 50er-Jahre-Häuser, in denen kleinste Spezialgeschäfte ihre Waren anbieten – Schnürsenkel das eine, Türklinken das andere, Schnüre und Bänder das nächste. Viele Geschäfte sind geschlossen, eine Folge der Finanzkrise, aber auch des gewandelten Konsumverhaltens der Bevölkerung, die ebenso gern in modernen Malls und Supermärkten einkaufen geht. Und irgendwo in einer Kelleretage stoßen wir dann auf einen Rest der 2000 Jahre alten Stadtmauer Athens. Ein absurder Kontrast, oder auch einfach Teile einer langen, langen Geschichte.

Die Gegenwart begegnet uns mit Vehemenz wieder an der Metrostation Victoria. Hier ist der Treffpunkt vieler Migranten und Flüchtlinge. Sie warten, debattieren, suchen aus den Tonnen mit gespendeter Kleidung, was sie gebrauchen können. Übernachten können sie beispielsweise im Flüchtlingscamp im Galatsi-Park. Wir besuchen die großen Sporthallen auf dem ehemaligen Olympia-Gelände und sprechen mit Panos, einem Angestellten des Innenministeriums. Aus seinem Mund klingt alles einfach. Alles laufe nach Plan, es gebe keine Konflikte, denn die meisten blieben nur eine Nacht, um dann in andere europäische Staaten weiterzureisen.

Ein etwa achtjähriger Junge spricht uns auf Englisch an. Woher wir kämen, was wir in Griechenland machten. Wir fragen zurück und er antwortet, er komme aus Afghanistan und wolle nach Deutschland. Ein seltsames Gefühl stellt sich bei uns ein. Fliegen wir doch direkt nach Deutschland zurück, und sein Weg ist noch ungewiss. Doch sein Lächeln wischt unsere Scham hinweg und am Ende verbindet das Volleyballspielen doch mehr als alles andere.

Loukas führt uns auch in das antike Athen, auf die Akropolis. Sie steht für die demokratische Tradition des Landes, aber auch für den sich wandelnden Glauben der Menschen, für Kriege und wechselnde Herrschaften. Viele junge Athener wünschten sich jedoch, dass an die Stelle der Akropolis ein zukunftsgewandtes Symbol treten würde, sagt Loukas. Etwas, das den gegenwärtigen Geist der Stadt besser repräsentieren kann.

Einen Vertreter dieses Zeitgeistes treffen wir auf dem Kalliga-Platz. Babis kämpft seit fünf Jahren darum, dass ein Spielplatz, der wegen seines Alters abgebaut werden musste, wieder aufgebaut wird, und er kämpft gegen die Mentalität des „I don’t care“. In seinem Kiez würden Menschen aus verschiedenen Nationen leben, viele von ihnen ohne Arbeit. Ein Spielplatz könnte die Bewohner ins Gespräch bringen, die Gespräche könnten Ängste abbauen, die Gemeinschaft könnte sich gegen Kriminalität wenden, so hofft Babis. Doch erreicht hat er nicht viel, sagt er resigniert, außer, dass er nun weiß, wie das bürokratische System funktioniert. Unermüdlich fordert er, dass die Stadtverwaltung ihrer Verantwortung gerecht wird, ungeachtet von Sparzwängen, Wahlterminen oder Schließzeiten.

Als Scharnierstelle zwischen Bürgern und Administration fungiert die Plattform SynAthina. Wir treffen Maria und Stelios und beginnen zu verstehen, dass Frustration auf beiden Seiten entsteht, wenn zu wenige Informationen über bürokratische Prozesse verfügbar sind. SynAthina vermittelt Anfragen von aktiven Bürgern an die zuständige Stelle in der Verwaltung und macht auf Gesetzeslücken aufmerksam. Zugleich dient sie als Informationsplattform für Bürgerinitiativen. Ein Leuchtturmprojekt der Athener Vize-Bürgermeisterin, bezahlt wird es vom Preisgeld der New Yorker Bloomberg Philanthropies.

Auf der anderen Seite steht Stefania, 27 Jahre alt, aufgewachsen unter anderem in Luxemburg. Sie gründete eine NGO mit Namen PLACE IDENTITY, die zum Ziel hat, Menschen zur Partizipation zu bewegen. Allerdings bewirbt sie sich nicht um Gelder der Regierung, denn sie will unabhängig bleiben. Ihre Projekte haben selbst im SPIEGEL Resonanz gefunden. Wir fragen sie, ob sie so engagiert wäre, wenn es die Finanzkrise nicht gegeben hätte und sie antwortet: No. Dann gäbe es weder Zeit noch die Notwendigkeit, die eigene Lebensumwelt grundlegend umzugestalten. Im Juni musste sie sich und ihre Mitarbeiter entlassen, weil kein Geld mehr vorhanden war. Stefania berichtet, dass viele junge, gut ausgebildete Menschen in zivilgesellschaftlichen Projekten arbeiten, allerdings ohne Bezahlung. Nur durch die Unterstützung der Eltern sei dies möglich.

Was uns bei dieser Reise fasziniert, ist die Freundlichkeit der Menschen, die unkomplizierte Kommunikation auf Englisch in jeder Situation, ob beim Bäcker oder im Taxi. Wir beginnen zu verstehen, welche Rolle Mentalitäten in der EU spielen, und welche Konflikte drohen, wenn der Anspruch auf Deutungshoheit erhoben wird. Wir sprechen viel über die aktuellen Krisen, und es ist ein unschätzbarer Gewinn, dabei die „andere Seite“ mitreden lassen zu können.

Blick über Athen.

In einer Kelleretage stoßen wir auf einen Rest der 2000 Jahre alten Stadtmauer Athens.

In einer Kelleretage stoßen wir auf einen Rest der 2000 Jahre alten Stadtmauer Athens.

Wir treffen Maria und Stelios von SynAthina, einer Plattform, die als Scharnierstelle zwischen Bürgern und Administration fungiert.

Wir treffen Maria und Stelios von SynAthina, einer Plattform, die als Scharnierstelle zwischen Bürgern und Administration fungiert.

LIFE – Athen

LIFE – Athen

Loukas führt uns auch in das antike Athen, auf die Akropolis.

Loukas führt uns auch in das antike Athen, auf die Akropolis.

Babis kämpft seit fünf Jahren darum, dass ein Spielplatz, der wegen seines Alters abgebaut werden musste, wieder aufgebaut wird, und er kämpft gegen die Mentalität des „I don’t care“.

Babis kämpft seit fünf Jahren darum, dass ein Spielplatz, der wegen seines Alters abgebaut werden musste, wieder aufgebaut wird, und er kämpft gegen die Mentalität des „I don’t care“.

MitReise nach Athen.

MitReise nach Athen.

MitReise
MitReisen ist eins von vielen Projekten bei MitOst, das Vernetzung, den interkulturellen Austausch und den Gewinn von Toleranz stärkt. MitOst-Mitglieder zeigen anderen Mitgliedern ihr Land, ihre Stadt, abseits von Touristenströmen und Reiseführern. Die MitReisen werden von Mitgliedern und den Mitarbeitern von MitOst ehrenamtlich organisiert. Alle Details werden mit sehr viel Enthusiasmus und in Verantwortung für die nachhaltige Entwicklung der bereisten Länder geplant und durchgeführt.
Loukas Bartatilas (www.loukasbartatilas.com) lebt in Athen und Berlin. Mit seiner Arbeit erkundet er urbane Kultur durch Interaktionen zwischen Menschen und öffentlichem Raum. Nach seinem Abschluss in “Public Art” an der Bauhaus-Universität Weimar entwickelt er als freier Künstler partizipative künstlerische und soziale Initiativen in vergessenen Räumen.


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Frisch gestrichen! | Mazedonien

Die mazedonische Hauptstadt erfindet ihren öffentlichen Raum neu.

Ein Artikel von Aleksandra Luczak.

„Hierzulande wird sich nie was ändern“ – diesen Satz hört man immer wieder von jungen Skopjanern, während ihr Blick über das neue Stadtzentrum streift. In politischer Regie der Regierungspartei sind hier in den letzten fünf Jahren zahlreiche Denkmäler nationaler Helden aus dem Boden geschossen. Neue beleuchtete Brunnen blinken bunt, umrahmt von frisch historisierten „barocken“ Fassaden. Für den kurzen Zeitraum ausgelegt, sollte das Bauprojekt „Skopje 2014“ der Stadt am Vardar europäischen Charakter verleihen – so der politische Wunsch. „Die Opposition dreht genauso krumme Dinge wie die Regierung, eine dritte Alternative gibt es nicht“, kursiert es von Mund zu Mund wie eine apolitische Losung. Im öffentlichen Raum geht aber Einiges mehr vor sich.

Um die Mittagszeit ist der Lunapark in Skopje wie leer gefegt. Selten stört eine Regung der alten Karussells und Go Karts die heiße trockene Augustluft. Die Mitarbeiter setzen sich gerne zusammen vor die Kassenhäuschen und lassen sich Zeit beim Rauchen. Von den bunt beklebten Wänden schicken Disney-Figuren, die in den späten 1990er ihren Hype erlebten, vereinzelten Passanten ausgebleichte Lächeln: Ab und zu verirrt sich hier ein Rentner samt gelangweiltem Enkelkind oder ein hungriger Jugendlicher auf der Suche nach einem Imbiss. Die Bude am Eingang, wo man kalte Getränke und längliches gefülltes Gebäck – Piroschki – kaufen kann, ist der einzige Ort im umliegenden Stadtpark, der nicht zu hat.

Aleksandar hilft dort in der Sommerzeit seiner Schwester aus. „Auch zu den Spitzenzeiten kommen nicht mehr so viele Leute wie früher“, meint der geborene Skopjaner und promovierte Politikwissenschaftler, „die Menschen brauchen etwas Neues“. Die neueste Entwicklung des Landes und der Hauptstadt sieht er positiv. „Das ist frisch, kurbelt die Wirtschaft an und das Land behauptet sich endlich gegenüber den Griechen und Bulgaren.“ Das Recht der Mazedonier auf nationale Symbole sei dadurch bekräftigt. Trotzdem schwärmt Aleksandar vom Ausland. „Immer mehr Mazedonier beantragen heute einen bulgarischen Pass, um in die EU ausreisen zu dürfen“, gibt er zu.

Ohne Maß
Der Springbrunnen auf dem zentralen Platz Ploštad Makedonija wurde gerade eben zur Nutzung übergeben. Für Kinder wie für Erwachsene ist er derzeit der wohl prominenteste Ort für Selfies. Schillernde Wasserstrahlen spritzen synchron aus dem mit zarten Marmorstäbchen ausgelegten Bürgersteig. Wer diesem Tanz nicht gebannt zuschaut, sondern den Kopf hochhebt, hat die gewaltige Silhouette von Alexander dem Großen vor sich. Der wuchtige Sockel wird von unnahbaren Kriegerfiguren gesäumt – wer zu nahe kommt, gerät in den farbenfrohen Sprühnebel des drum herum errichteten Beckens. Kaum dreht man sich um, leuchtet weiß der frische Putz des neuen Triumphbogens nebenan. Er erscheint umso kleiner als er zwischen zwei übergroßen sitzenden Schriftstellerstatuen aus Bronze gedrängt wurde.

Junge wie Alte, Touristen wie Einheimische lassen sich gerne zu einem Selfie mit dem Licht- und Wasser-Spiel des Brunnens und des Alexander-Denkmals verleiten.

Der Sockel des Alexander-Denkmals, das das umliegende Gebäudeensemble dominiert.

Der Sockel des Alexander-Denkmals, das das umliegende Gebäudeensemble dominiert.

Der neu errichtete Triumphbogen mit begleitenden Denkmälern. Im Vordergrund die Betontreppe des 1973 gebauten Einkaufszentrums „Gradski trgovski centar“, bisher ohne die „barocke“ Aufmachung.

Der neu errichtete Triumphbogen mit begleitenden Denkmälern. Im Vordergrund die Betontreppe des 1973 gebauten Einkaufszentrums „Gradski trgovski centar“, bisher ohne die „barocke“ Aufmachung.

All das war teuer – vielleicht auch zu teuer. Wenn man die vielen Bedürfnisse des Landes bedenkt, lässt einen die auf über 200 Mio. Euro geschätzte Gesamtsumme staunen – und an der Reinheit der Sache zweifeln. „Ich glaube nicht an die Geschichten über Geldwäsche“, Aleksandar macht sich stark für den konservativen Premierminister Gruevski, der die Veränderungen angestoßen hat. „Andererseits… Ich habe diesen einen Freund, der noch in einer gemieteten Wohnung lebt und sich trotzdem einen teuren Plasmafernseher angeschafft hat. Das verstehe ich nicht. Ich meine: Zuerst eine richtige Wohnung, dann Einrichtung“, pointiert er.

Neue Kleider
Das meinten auch die Bewohner anliegender Wohnhäuser, als sie gegen die Verkleidung der alten Fassaden mit „barocker“ Gipskarton-Montur protestierten. „Zuerst sollen die Gebäude endlich mal saniert werden“, erzählt der 35-jährige Photograph und Cutter Dorijan. Er ist in einem Haus direkt am Platz aufgewachsen und zeigt jetzt ortskundig die Schattenseiten der teuren „Schönheitskur“ auf: Der Anblick der Innenhöfe und Hinterhäuser katapultiert einen in die Bauzeit nach dem Erdbeben von 1963, als die zu 80 Prozent ruinierte sozialistische Hauptstadt mit viel internationalem Aufwand wiederaufgebaut wurde.

Die Bauwerke von damals ließen Skopje zu einer wahren Perle des Brutalismus werden. Doch auch sie werden jetzt einem obligatorischen Lifting unterzogen. In einem Referendum letzten Frühling sprach sich die Mehrheit der Bürger allerdings gegen die Umgestaltung eines benachbarten sozialistischen Einkaufszentrums aus. Diese steht trotzdem bevor – wegen des fehlenden Quorums, wie man sagt. Immerhin bleiben die brutalistischen Studentenwohnheime erhalten: Sie werden gerade von innen renoviert. Die Betonwände überstrich man mancherorts nur zur Hälfte mit Farbe. „Halb gestrichen und das Geld halb in die Tasche gesteckt. Typisch mazedonische Arbeit“, meint kopfschüttelnd die ältere Hausmeisterin.

Noch vor dem Referendum setzten sich Skopjaner letzten Winter für das umzugestaltende Einkaufszentrum, indem sie trotz niedriger Temperaturen eine Menschenkette bildeten.

Bald können Studenten ihre renovierten Zimmer in den alten brutalistischen Wohnheimen wieder beziehen.

Seit dem Umbau macht Dorijan – das einstige „Downtown-Kid“ – lieber einen Bogen um den Platz. Grünflächen, die noch vor einigen Jahren feste Treffpunkte für ihn und seinen Freundeskreis waren, gibt es heute nicht mehr – prächtige Laubbäume wurden gefällt. Nach wie vor prägen Baustellen die Straßenzüge, die strahlenförmig auf den Platz zulaufen. Hier und da bedecken Planen mit aufgedruckten Skizzen künftiger Fassaden die Baugerüste. Manch ein Gebäude kriegt gerade ein neues Gewand. Oder aber verliert alten Schmuck: Vom Wahrzeichen der Stadt – dem alten, halb zerstörten Bahnhof, der nach dem Erdbeben in ein Museum umgewandelt wurde – ist vor ein paar Jahren eine große Gedenktafel verschwunden. Dass das zerstörte und wiederaufgebaute Skopje gemäß Titos Worten von 1963 als „Symbol der Brüderlichkeit und Solidarität“ zu gelten hatte, liest man heute lediglich auf einer kleinen Tafel am Eingang.

„Skopje erlitt eine unerhörte Katastrophe, aber Skopje wird wiederaufgebaut werden. Mit der Hilfe unserer ganzen Gemeinschaft wird Skopje zu unserem Stolz und zum Symbol der Brüderlichkeit und der Einheit, der Solidarität Jugoslawiens und der ganzen Welt“, besagt die zweite Gedenktafel von rechts. Die einst viel auffälligere Erinnerung an das Erdbeben und an Josip Broz Tito, der diese Worte am 27. Juli 1963 sagte, geht heute eher unter.

„Skopje erlitt eine unerhörte Katastrophe, aber Skopje wird wiederaufgebaut werden. Mit der Hilfe unserer ganzen Gemeinschaft wird Skopje zu unserem Stolz und zum Symbol der Brüderlichkeit und der Einheit, der Solidarität Jugoslawiens und der ganzen Welt“, besagt die zweite Gedenktafel von rechts. Die einst viel auffälligere Erinnerung an das Erdbeben und an Josip Broz Tito, der diese Worte am 27. Juli 1963 sagte, geht heute eher unter.

Säulen und geschwungene Portale sollen künftig prägende Elemente der bisher modernistischen Fassaden werden.

Säulen und geschwungene Portale sollen künftig prägende Elemente der bisher modernistischen Fassaden werden.

Farbe bekennen
Genauso unauffällig sind andere Protagonisten des Wiederaufbaus geworden: So ist der Name des Architekten Adolf Ciborowski nicht mehr auf den Straßenschildern einer großen Magistrale zu finden. Er ist nun Patron einer unauffälligen Gasse im etwas südlicheren Teil der Stadt. Auch diese Gegend verändert sich: Die niedrige Bebauung muss immer öfter Hochhäusern weichen. „Halb Mazedonien wohnt in Skopje“, erklärt Ivana, die man mehrmals die Woche in einer der noch verbliebenen Villen treffen kann. Man spricht von 200.000 Pendlern, die neben 700.000 Bewohnern täglich die Hauptstadt bevölkern. Seit Jahren schon klagen Skopjaner über Gedränge und dicke Luft in der Stadt, die für 350.000 Menschen geplant und mittlerweile dem einstigen Wiederaufbauplan zuwider von der Bergseite stark zugebaut wurde.

Die studierte Biochemikerin arbeitet am Empfang in einem Hostel. Es sei schwierig, ohne Parteibuch eine passende Arbeitsstelle zu finden, meint sie. Zusammen mit ihrem Freund Katz setzt sich Ivana für die oft übersehenen Umweltbelange der Stadt ein – Katz ist Vorsitzender bei der NGO Proaktiva. „Es gibt immer mehr Fahrradfahrer, aber der Autoverkehr herrscht vor, es fehlt das Bewusstsein dafür“, meint er. Durch langjährige Mühen ist es Proaktiva gelungen, bei der Stadtverwaltung die Entwicklung des Fahrradwegnetzes voranzutreiben: knapp 40 km Fahrradwege zu bauen und weitere 5.000 km² mit Farbe zu markieren. Doch als im Rahmen von „Skopje 2014“ etliche Straßen verbreitert wurden (auch um den Preis der gefällten Bäume), hat man trotz opulenten Budgets keine Gelder für neue Fahrradwege vorgesehen. Seit drei Jahren versuchen Fahrradfahrer durch die monatliche Critical Mass dagegen ein Zeichen zu setzen.

Durch immer wieder aufgesprühte Stencils und Graffiti werden auch Baustellenzäune und Häuserwände zum Medium von zivilgesellschaftlichen und politischen Statements. Den vielerorts auffindbaren Hashtag #protestiram hat man während der massiven Studentenproteste im Mai und Juni dieses Jahres entwickelt. Neuerdings organisierte die kommunistische Organisation Lenka eine Kundgebung gegen die kitschigen Umbaumaßnahmen. Danilo war nicht dabei, doch er wird öfter gefragt, wenn Lenka ein Statement für Medien abgeben soll. Der 27 Jährige Jurist arbeitet in einer privaten Firma in Skopje. Gemessen am durchschnittlichen Monatsgehalt von ca. 300 Euro kann er nicht klagen. „Man muss leben“, sagt er im Ton der Rechtfertigung. Er hat nicht viel Freizeit für sein linkspolitisches Engagement, Zeit für Freundin und Sport muss auch mal sein.

Kaum ein Baustellenzaun ohne den Hashtag #protestiram („ich protestiere“), kaum ein Verkehrsmittel ohne den entsprechenden Aufkleber.

Kaum ein Baustellenzaun ohne den Hashtag #protestiram („ich protestiere“), kaum ein Verkehrsmittel ohne den entsprechenden Aufkleber.

„Gefährlich für Mazedonien“, „Ich verkaufe Mazedonien für eine Hazienda am griechischen Meer“ – die Stencils richten sich sowohl gegen den konservativen Premierminister Gruevski (oben) als auch gegen Zaev, den Anführer der sozialdemokratischen Opposition (unten).

„Gefährlich für Mazedonien“, „Ich verkaufe Mazedonien für eine Hazienda am griechischen Meer“ – die Stencils richten sich sowohl gegen den konservativen Premierminister Gruevski (oben) als auch gegen Zaev, den Anführer der sozialdemokratischen Opposition (unten).

Der Heiligenschein des Stadterneuerers trügt, meint ein Kritiker von „Skopje 2014“: Es ist vielmehr ein Clown mit einer blutiger Axt hinter dem Rücken, der ein Massaker im Stadtraum anrichtet.

Der Heiligenschein des Stadterneuerers trügt, meint ein Kritiker von „Skopje 2014“: Es ist vielmehr ein Clown mit einer blutiger Axt hinter dem Rücken, der ein Massaker im Stadtraum anrichtet.

Jetzt ist keine Spur der Demo zu erkennen. Kinder toben zwischen den regenbogenfarbenen Wasserstrahlen, auf den Bänken nebenan ruhen sich Passanten aus. Plötzlich ertönt laute Musik aus den an den Laternen angebrachten Lautsprechern und wirbelt um das riesige Alexander-Denkmal. Es beginnt ein Streifzug durch die europäische Klassik: Grieg, Chatschaturjan, Monti… „Niemand hier hört solche Musik, man hätte jugoslawisches Turbo Folk senden sollen“, ironisiert Danilo. In der Ecke des Platzes sucht sich eine Rockband gegen die Lautsprecher zu behaupten. Hier und da trifft man Straßenmusiker, die von der Stadt ausgewählt und bezahlt werden. Die miteinander konkurrierenden Lautstärken übertönen das Gespräch.

Das regierungs- und gesellschaftskritische Video zum „Oda na gadosta“ („Ode an die Perversität“) des bekannten mazedonischen Hip-Hop-Musikers DaDzaka Nakot wurde vor der neuen aufstrebenden Kulisse des Stadtzentrums aufgenommen. Aus den Medien war es dann für eine Zeitlang verbannt.

Vom Denkmal Alexanders des Großen her gesehen, bildet das neue Archäologische Museum seit Kurzem eine neoklassizistische Kulisse für den beliebten Spielort der Kinder: den neuen Springbrunnen.

Vom Denkmal Alexanders des Großen her gesehen, bildet das neue Archäologische Museum seit Kurzem eine neoklassizistische Kulisse für den beliebten Spielort der Kinder: den neuen Springbrunnen.

Volle Fahrt voraus
Etwas abseits des Platzes steht ein Karussell. Es ist neu und vom Staat finanziert. „In Italien angefertigt, aus Bulgarien importiert“, erklärt die Kartenverkäuferin in der kurzen Zigarettenpause. Jeden Tag von 9 bis 23 Uhr drehen sich die üblichen bunt bemalten Plastikpferde mit für ewig verwehten Mähnen und irren Blicken mit quietschenden Kindern auf dem Rücken. Die gestreifte Überdachung erinnert an die mazedonische Flagge und sieht wie ein rot-gelber, spieluhrvertonter Kreisel aus. In der verglasten Fassade des ausländischen Telekommunikationsanbieters nebenan spiegelt sich ein neoklassizistisches Bauwerk – das neu errichtete Archäologische Museum am anderen Flussufer. Danilo war dort noch nicht und plant auch keinen Besuch, „aus politischen Gründen“. Doch sollte die regierende Partei nicht mehr an der Macht sein, „oh ja, dann gehe ich so was von hin. Dann werde ich auf dem Platz nackt rumlaufen…!“

Nächtlicher Blick auf das populäre Karussell, vom Archäologischen Museum her gesehen. Das populäre Karussell im Stadtzentrum, vom Archäologischen Museum her gesehen.

Nächtlicher Blick auf das populäre Karussell, vom Archäologischen Museum her gesehen.

Aleksandra Luczak ist Kulturhistorikerin und Dolmetscherin mit ausgeprägtem Interesse an Osteuropa. Ihre Begeisterung für Orte und Räume – seien es Busbahnhöfe, Grenzmärkte oder zwielichtige Expats-Discos – ließ sie bisher in Reportagen für “Cafebabel” und “Europe & Me” einfließen. Den Besuch in Skopje nahm sie zum Anlass, über das Kräfteverhältnis zwischen Macht und Gesellschaft im öffentlichen Raum zu berichten.

Der Artikel wurde für cafebabel.com verfasst und wird dort auch veröffentlicht.