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Die andere Seite | Griechenland

Ein Artikel von Steffi Gläser. Die Autorin besuchte Athen im Rahmen der MitReise vom 30. Oktober bis zum 4. November 2015.

„Wenn man heute über Europa spricht, dann muss man über Griechenland sprechen. Hier kristallisieren sich die drängendsten Probleme der EU heraus: Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Vertrauenskrise.“ So ähnlich hat es Julia gesagt, die Sankt Petersburgerin, die wir zufällig im Zentrum Athens treffen. Genau darüber wollen wir sprechen, und zwar nicht am heimeligen Kneipentisch in Deutschland, sondern direkt in Athen, mit Athenern.

Eingeladen hat uns Loukas, ein Athener, der auch in Berlin lebt und in Weimar promoviert. Seine Kenntnisse der deutschen Sprache, sein Wissen zur griechischen und deutschen Politik und Geschichte und seine ausgezeichnete Ortskenntnis von Berlin und Athen sind der Schlüssel zu einer Bildungsreise der besonderen Art. Wir erkunden die Arkaden der 50er-Jahre-Häuser, in denen kleinste Spezialgeschäfte ihre Waren anbieten – Schnürsenkel das eine, Türklinken das andere, Schnüre und Bänder das nächste. Viele Geschäfte sind geschlossen, eine Folge der Finanzkrise, aber auch des gewandelten Konsumverhaltens der Bevölkerung, die ebenso gern in modernen Malls und Supermärkten einkaufen geht. Und irgendwo in einer Kelleretage stoßen wir dann auf einen Rest der 2000 Jahre alten Stadtmauer Athens. Ein absurder Kontrast, oder auch einfach Teile einer langen, langen Geschichte.

Die Gegenwart begegnet uns mit Vehemenz wieder an der Metrostation Victoria. Hier ist der Treffpunkt vieler Migranten und Flüchtlinge. Sie warten, debattieren, suchen aus den Tonnen mit gespendeter Kleidung, was sie gebrauchen können. Übernachten können sie beispielsweise im Flüchtlingscamp im Galatsi-Park. Wir besuchen die großen Sporthallen auf dem ehemaligen Olympia-Gelände und sprechen mit Panos, einem Angestellten des Innenministeriums. Aus seinem Mund klingt alles einfach. Alles laufe nach Plan, es gebe keine Konflikte, denn die meisten blieben nur eine Nacht, um dann in andere europäische Staaten weiterzureisen.

Ein etwa achtjähriger Junge spricht uns auf Englisch an. Woher wir kämen, was wir in Griechenland machten. Wir fragen zurück und er antwortet, er komme aus Afghanistan und wolle nach Deutschland. Ein seltsames Gefühl stellt sich bei uns ein. Fliegen wir doch direkt nach Deutschland zurück, und sein Weg ist noch ungewiss. Doch sein Lächeln wischt unsere Scham hinweg und am Ende verbindet das Volleyballspielen doch mehr als alles andere.

Loukas führt uns auch in das antike Athen, auf die Akropolis. Sie steht für die demokratische Tradition des Landes, aber auch für den sich wandelnden Glauben der Menschen, für Kriege und wechselnde Herrschaften. Viele junge Athener wünschten sich jedoch, dass an die Stelle der Akropolis ein zukunftsgewandtes Symbol treten würde, sagt Loukas. Etwas, das den gegenwärtigen Geist der Stadt besser repräsentieren kann.

Einen Vertreter dieses Zeitgeistes treffen wir auf dem Kalliga-Platz. Babis kämpft seit fünf Jahren darum, dass ein Spielplatz, der wegen seines Alters abgebaut werden musste, wieder aufgebaut wird, und er kämpft gegen die Mentalität des „I don’t care“. In seinem Kiez würden Menschen aus verschiedenen Nationen leben, viele von ihnen ohne Arbeit. Ein Spielplatz könnte die Bewohner ins Gespräch bringen, die Gespräche könnten Ängste abbauen, die Gemeinschaft könnte sich gegen Kriminalität wenden, so hofft Babis. Doch erreicht hat er nicht viel, sagt er resigniert, außer, dass er nun weiß, wie das bürokratische System funktioniert. Unermüdlich fordert er, dass die Stadtverwaltung ihrer Verantwortung gerecht wird, ungeachtet von Sparzwängen, Wahlterminen oder Schließzeiten.

Als Scharnierstelle zwischen Bürgern und Administration fungiert die Plattform SynAthina. Wir treffen Maria und Stelios und beginnen zu verstehen, dass Frustration auf beiden Seiten entsteht, wenn zu wenige Informationen über bürokratische Prozesse verfügbar sind. SynAthina vermittelt Anfragen von aktiven Bürgern an die zuständige Stelle in der Verwaltung und macht auf Gesetzeslücken aufmerksam. Zugleich dient sie als Informationsplattform für Bürgerinitiativen. Ein Leuchtturmprojekt der Athener Vize-Bürgermeisterin, bezahlt wird es vom Preisgeld der New Yorker Bloomberg Philanthropies.

Auf der anderen Seite steht Stefania, 27 Jahre alt, aufgewachsen unter anderem in Luxemburg. Sie gründete eine NGO mit Namen PLACE IDENTITY, die zum Ziel hat, Menschen zur Partizipation zu bewegen. Allerdings bewirbt sie sich nicht um Gelder der Regierung, denn sie will unabhängig bleiben. Ihre Projekte haben selbst im SPIEGEL Resonanz gefunden. Wir fragen sie, ob sie so engagiert wäre, wenn es die Finanzkrise nicht gegeben hätte und sie antwortet: No. Dann gäbe es weder Zeit noch die Notwendigkeit, die eigene Lebensumwelt grundlegend umzugestalten. Im Juni musste sie sich und ihre Mitarbeiter entlassen, weil kein Geld mehr vorhanden war. Stefania berichtet, dass viele junge, gut ausgebildete Menschen in zivilgesellschaftlichen Projekten arbeiten, allerdings ohne Bezahlung. Nur durch die Unterstützung der Eltern sei dies möglich.

Was uns bei dieser Reise fasziniert, ist die Freundlichkeit der Menschen, die unkomplizierte Kommunikation auf Englisch in jeder Situation, ob beim Bäcker oder im Taxi. Wir beginnen zu verstehen, welche Rolle Mentalitäten in der EU spielen, und welche Konflikte drohen, wenn der Anspruch auf Deutungshoheit erhoben wird. Wir sprechen viel über die aktuellen Krisen, und es ist ein unschätzbarer Gewinn, dabei die „andere Seite“ mitreden lassen zu können.

Blick über Athen.

In einer Kelleretage stoßen wir auf einen Rest der 2000 Jahre alten Stadtmauer Athens.

In einer Kelleretage stoßen wir auf einen Rest der 2000 Jahre alten Stadtmauer Athens.

Wir treffen Maria und Stelios von SynAthina, einer Plattform, die als Scharnierstelle zwischen Bürgern und Administration fungiert.

Wir treffen Maria und Stelios von SynAthina, einer Plattform, die als Scharnierstelle zwischen Bürgern und Administration fungiert.

LIFE – Athen

LIFE – Athen

Loukas führt uns auch in das antike Athen, auf die Akropolis.

Loukas führt uns auch in das antike Athen, auf die Akropolis.

Babis kämpft seit fünf Jahren darum, dass ein Spielplatz, der wegen seines Alters abgebaut werden musste, wieder aufgebaut wird, und er kämpft gegen die Mentalität des „I don’t care“.

Babis kämpft seit fünf Jahren darum, dass ein Spielplatz, der wegen seines Alters abgebaut werden musste, wieder aufgebaut wird, und er kämpft gegen die Mentalität des „I don’t care“.

MitReise nach Athen.

MitReise nach Athen.

MitReise
MitReisen ist eins von vielen Projekten bei MitOst, das Vernetzung, den interkulturellen Austausch und den Gewinn von Toleranz stärkt. MitOst-Mitglieder zeigen anderen Mitgliedern ihr Land, ihre Stadt, abseits von Touristenströmen und Reiseführern. Die MitReisen werden von Mitgliedern und den Mitarbeitern von MitOst ehrenamtlich organisiert. Alle Details werden mit sehr viel Enthusiasmus und in Verantwortung für die nachhaltige Entwicklung der bereisten Länder geplant und durchgeführt.
Loukas Bartatilas (www.loukasbartatilas.com) lebt in Athen und Berlin. Mit seiner Arbeit erkundet er urbane Kultur durch Interaktionen zwischen Menschen und öffentlichem Raum. Nach seinem Abschluss in “Public Art” an der Bauhaus-Universität Weimar entwickelt er als freier Künstler partizipative künstlerische und soziale Initiativen in vergessenen Räumen.


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#ElectricYerevan: Die von der Jugend angeführte Revolution in Armenien

Ein Artikel von Grigor Yeritsyan. Aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Heike Fahrun.

Es war ein langer Weg, um zu verstehen, dass Veränderungen zum Positiven nur dann stattfinden, wenn wir darum kämpfen. Eine lange, herausfordernde und schwierige Reise für junge Armenier, die schließlich zur Bewegung #ElectricYerevan führte.

Eins vorweg: Armenien hat, wie die meisten Länder mit einem sowjetischen Erbe, seine Unabhängigkeit auf den Trümmern der Sowjetunion gebaut. Ein wesentliches Element sowjetischen Denkens war schon immer, dass Veränderungen von oben angestoßen werden und die Bürger nichts anderes tun sollten, als die von oben verordneten Regeln und Entscheidungen zu respektieren. Dieses Denken hat die armenische Mentalität tiefgreifend geprägt. Viele Menschen blieben skeptisch gegenüber ihrer Rolle als „change makers“ und zogen es vor, auf eine bessere Zukunft zu hoffen, ohne selbst aktiv zu werden.

Genau dies haben #ElectricYerevan und ähnliche, von jungen Menschen selbstorganisierte Bewegungen verändert. Die gängige Meinung, dass Veränderung von unten nicht möglich sei, trifft für Armenien nicht mehr zu.

Zum Hintergrund von #ElectricYerevan
In den letzten Jahren erschütterten etliche erfolgreiche soziale Bewegungen und Proteste Armenien. Allein, #ElectricYerevan wurde zum größten und stärksten zivilen Widerstand seit Armeniens Unabhängigkeit. Anders als die politischen und parteilichen Proteste, die in Armeniens politischem Leben sehr verbreitet sind, schaffte es diese unparteiische Bewegung, die verschiedensten Teile der Gesellschaft für einen konkreten Zweck zu mobilisieren.

Wie fing alles an?
Die zivile Unruhe in Yerevan entzündete sich am 19. Juni, wenige Tage nach der Ankündigung des armenischen Stromversorger “Electric Networks of Armenia” (ENA), die Strompreise landesweit um 16,7% zu erhöhen. ENA befindet sich im Besitz der russichen Staatsholding Inter RAO.

Die Proteste starteten wie üblich am Platz der Freiheit, setzten sich jedoch ganz unüblich in Richtung des Präsidentenpalasts fort, der am zentralen Baghramyan-Boulevard liegt. Hier befinden sich auch die meisten Regierungsgebäude – das Verfassungsgericht, das Parlament sowie der Wohnsitz des Präsidenten. Die Straße ist Symbol der exekutiven, legislativen und judikativen Macht Armeniens, die alle gleichermaßen korrupt sind. Bald versperrte die Polizei den Weg, um die Protestierenden daran zu hindern, den Präsidentenpalast zu erreichen. Im Gegenzug begannen die Protestierenden mit einem Sit-in und blockierten so eine der Hauptverkehrsadern der Stadt.

Die Nachricht über den Protest verbreitete sich weltweit unter dem Hashtag #ElectricYerevan, nachdem die Polizei am 23. Juni Wasserwerfer einsetzte, um den Protest gewaltsam aufzulösen  und dabei mehr als 230 Menschen verhaftete (fast alle wurden später wieder frei gelassen). Dieses brutale und ungerechte Vorgehen führte zu noch größerer Unzufriedenheit und brachte noch mehr Menschen auf die Straße. Unterschiedlichen Quellen zufolge schlossen sich bis zu 20.000 Menschen, meist Jugendliche, den Protesten an.

Der Baghramyan-Boulevard wurde nun 15 Tage lang blockiert … etwas, das in einem demokratischen Land kaum passieren würde. Die Barrikaden, von den Protestierenden errichtet, wurden zur trennenden Linie – zwischen verantwortungsvollen Bürgern auf der einen Seite, Vertreter für den Wunsch junger Armenier, in einem besseren Land zu wohnen; und den Polizisten als Repräsentanten eines schwachen und korrumpierten politischen Systems auf der anderen Seite.

Ich bin dabei!
Nach einer Dienstreise kam ich am Morgen des 23. Juni zurück nach Armenien – genau an dem Tag, an dem die Polizei gegen die friedlich Protestierenden vorging. Seit dem frühen Morgen hatte ich Anrufe und Nachrichten von Freunden und Kollegen erhalten, die entweder direkt unter Polizeigewalt zu leiden hatten oder verhaftet worden waren. Von da an schloss ich mich den Protesten an und verbrachte zwei wunderbare Wochen voller Einheit, gegenseitiger Stärkung und Erfolgsgeschichten.

Als Jugendbetreuer und Vertreter der Zivilgesellschaft war es ein Traum so viele verschiedene junge Menschen zu sehen, vereint für eine gemeinsame Sache … Liberale, Konservative und Nationalisten, Parteianhänger und Unabhängige, NGO-Mitglieder und Studierende, Einheimische und Ausländer, Vertreter der Wirtschaft und Prominente, Stadt- und Landbewohner. Viele werden sagen, dass alle unterschiedliche Gründe für ihr Kommen hatten, aber letzten Endes waren wir alle dort, um unser Recht auf eine bessere Zukunft in Armenien zu verteidigen.

Für die armenischen Behörden war unklar, woher diese jungen Menschen kamen. Meist aufgeschlossene, intelligente, ausgeglichene, tolerante, gut ausgebildete und kreative Jugendliche – ein Bild der Jugend, das der Staat selbst nie gefördert hatte. Im Gegenteil: für Jahrzehnte unterstützte er ein pädagogisches, politisches, soziales und kulturelles System, mit dem Versuch unabhängiges Denken zu unterbinden, jede Eigeninitiative und Innovation im Keim zu ersticken und stattdessen Stereotypen zu entwickeln. Der Staat hatte schon immer Angst vor aktiven Bürgern und gab sich größte Mühe, einen Geist der Gleichgültigkeit gegenüber gesellschaftlichen Problemen aufzubauen. Letzten Endes sind sie damit gescheitert!

Während des halben Monats, den ich zusammen mit Freunden und ähnlich denkenden Menschen protestierte, erlebte ich einen hohen Grad an Mitgefühl und Solidarität. Es ist nicht einfach, die positive Atmosphäre auf dem besetzten Baghramyan-Boulevard zu beschreiben. Menschen brachten Essen, versorgten sich gegenseitig mit Wasser, säuberten die Gegend, kümmerten sich und unterstützen einander. Es gab ständig Musik und man tanzte, um den Geist der Einheit zu erhalten. Die Proteste waren sehr integrativ, jeder war willkommen. In wenigen Tagen wurde der Baghramyan-Boulevard ein guter Ort, um gute Leute zu treffen, über Politik zu sprechen, Ideen zur Zukunft Armeniens auszutauschen und neue Freunde zu finden.

Was wir verlangten?
Ganz zu Anfang bestand die Hauptforderung darin, die vom Präsidenten unterstützte Erhöhung der Strompreise für nichtig zu erklären und Reformen auf dem Energiesektor einzuleiten. Nach dem illegalen gewaltsamen Vorgehen der Polizei kam eine neue Forderung hinzu: die Ereignisse unvoreingenommen zu untersuchen, und diejenigen Polizisten zu bestrafen, die Gewalt gegen friedliche Protestierende ausgeübt hatten. Auch viele andere Forderungen wurden von verschiedenen Seiten des Protests erhoben, vom Rücktritt des Präsidenten bis zum Abstellen der Korruption, der Ausschaltung der kriminellen Oligarchie und Ungerechtigkeit im Land. Dennoch blieben die Elektrizitätspreise die offizielle Hauptforderung.

Die Regierung reagiert endlich
Die Behörden reagierten sehr bald auf die massiven Proteste im Herzen der Stadt. Der armenische Präsident Serzh Sargsyan versuchte vergeblich die Protestierenden zu besänftigen. Er verkündete, diese Proteste seien sehr wichtig und zeigten das Vertrauen, das sich zwischen der Polizei und den Protestierenden aufgebaut habe, sowie den Entwicklungsstand der Zivilgesellschaft in Armenien und wie wichtig es sei, demokratische Werte zu respektieren.

Der Präsident bot dem Armenisch-Russischen Zwischenstaatlichen Ausschuss (ARZA) an, den russischen Stromlieferanten selbst zu prüfen. Er schlug außerdem vor, dass die armenische Regierung die finanzielle Last der Erhöhung selbst übernimmt und die Differenz aus dem Staatshaushalt zahlt, bis die Ergebnisse der Prüfung veröffentlicht würden. Dabei vergaß er ein kleines Detail – dass die armenischen Bürger den Haushalt aus ihren Steuern finanzieren.

Das Angebot des Präsidenten wurde nicht als vorläufiger Sieg verstanden und die Einladung zu einem Dialog mit der Regierung daher zurückgewiesen. Der Präsident bot an, sich mit sechs Vertretern der Protestierenden zu treffen, allerdings weigerte sich die Menge, diese zu bestimmen und forderte den Präsidenten auf, doch selbst zu kommen oder per Live-Stream mit ihnen zu sprechen. Keins von beidem geschah. Sargsyans Einladung wurde vielmehr als Manipulationsversuch gewertet, die Preissteigerung zu verzögern und den Protest zu beenden. Ganz allgemein gab es hohe Unzufriedenheit und Misstrauen gegenüber jeglicher Ankündigung der Behörden. Einen Sieg zu feiern, war unmöglich, schließlich war keine der Forderungen erfüllt. Gleichzeitig konnten wir uns, das Korruptionsniveau der armenischen wie russischen Regierung bedenkend, nicht auf ARZA oder eine unparteiische Prüfung verlassen.

Was die Polizei angeht, so änderte sich ihr Verhalten grundlegend. Nach dem gewalttätigen Übergriff auf die Protestierenden am 23. Juni überdachte die Polizei diese Aggression und versuchte mit den Bürgern zu kooperieren. Die Polizei war erstaunlich ruhig und friedlich und nahm die Reaktion der Öffentlichkeit und der internationalen Gemeinschaft auf die Gewalt gegen Aktivisten ernst. Sie versprachen sogar, Journalisten ihre beschädigte und verlorene Ausrüstung zu ersetzen und gegen gewaltausübende Zivilpolizisten zu ermitteln. Später wurden gewisse Fälle angezeigt, allerdings hatte dies keine gravierenden Auswirkungen. Es gibt nur wenig Hoffnung, dass einer von ihnen tatsächlich vor Gericht gebracht wird.

Wer stand hinter den Protesten?
Es ist nicht überraschend, dass die Medien und die internationale Gemeinschaft von Beginn an nach Kräften suchte, die hinter den Protesten stecken könnten. Und tatsächlich gab es diese treibenden Kräfte … die korrupte armenische Regierung, das unberechenbare und intransparente russische Unternehmen sowie lokale Oligarchen selbst hatten die Proteste ausgelöst und die Menschen auf die Straße getrieben. Sie waren die Kräfte hinter all dem Chaos. Anders die Bürgerbewegung, die höchst unpolitisch und unparteiisch war und blieb. Politische Parteien spielten keine Rolle, und die Versuche, die Situation zu steuern oder von ihr zu profitieren, blieben überwiegend erfolglos. Auch wenn die russischen und pro-russischen Medien eifrig versuchten das Gegenteil zu beweisen, gab es keine Hinweise auf ausländisches Engagement. Die Demonstranten bestritten stets Verbindungen zu ausländischen Organisationen oder zu armenischen Oppositionsparteien.

Der russische Einfluss
Die Proteste in Armenien waren nie anti-russisch, auch wenn von Anfang an klar war, dass die Protestierenden ein russisches Unternehmen des Missmanagements und der Geldwäsche beschuldigten. Jedoch gab es dank der russischen Medien und der russischen Propaganda-Maschine Momente, in denen die Proteste anti-russisch hätten werden können. Von Beginn an verbreiteten russische Massenmedien Falschinformationen über die Ereignisse – absurderweise amerikanisches Engagement vermutend.

Nachdem weder amerikanische noch andere ausländische Spuren zu finden waren, gaben sie sich die größte Mühe, Vergleiche zwischen den armenischen Protesten und dem ukrainischen EuroMaidan zu ziehen. Die meisten wichtigen russischen Medien besuchten die Proteste vor Ort. Aber nach ihrer voreingenommenen und verfälschenden Berichterstattung durften sich die meisten dem Protest nicht mehr nähern. Gleichzeitig gab es nur wenige Berichte europäischer Medien, was es der russischen Propaganda erleichterte, den globalen medialen Raum zu erobern und die Proteste zu diskreditieren.

Zusätzlich ist hervorzuheben, dass die schlechte wirtschaftliche Situation in Armenien, die soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit, die Korruption, die wirtschaftliche Abhängigkeit und das oligarchische System mit Russland und dessen Vorgängerin Sowjetunion verknüpft werden. Zahlreiche Nachrichtenagenturen betonten, die Reaktion der russischen Medien zeige, wie besorgt der Kreml und besonders Putin seien, mit Armenien einen seiner traditionellen imperialen Herrschaftsbereiche zu verlieren.

Der Gender-Aspekt
Ich würde gern noch über einen anderen interessanten Aspekt von #ElectricYerevan sprechen. Neben den männlichen standen Tag und Nacht auch weibliche Protestierende. In einem Land, wo die Geschlechter gleichgestellt sind, wäre das nicht der Rede wert. Aber in Armenien, wo Frauen in fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens unterrepräsentiert sind, war das ein wichtiger Schritt. Dies war ein Kampf, der wirklich alle betraf und einbezog, unabhängig von Geschlecht, religiösen oder politischen Einstellungen. Armenische Frauen und Mädchen zeigten Mut und Stärke, und definierten damit ihre Rolle als Bürgerinnen neu. Einige Tänze, die traditionell Männern vorbehalten sind, wurden ebenso von Frauen getanzt, wenn es kleinere Erfolge zu feiern gab. Genauso war es mit traditionellen Musikinstrumenten. Indem sie die Straße besetzte, schuf diese Bewegung buchstäblich einen öffentlichen Raum, wo jede und jeder sich ausdrücken, etwas gestalten und gleichwertig behandelt werden konnte.

Was wurde am Ende erreicht?
Es gibt kurzfristige und langfristige Auswirkungen der Bewegung. Praktisch versprach die Regierung, eine internationale Prüfung und Untersuchung einzusetzen. Die Entscheidung über die Erhöhung wurde fürs Erste ausgesetzt. Langfristig zeigten die Proteste, dass die Menschen das Gefühl der Straflosigkeit ihrer Behören nicht länger akzeptieren werden.

Diese von der Jugend geführte Revolution war nicht nur gegen die Regierung gerichtet, gegen Korruption und soziale Ungerechtigkeit, sondern auch gegen das herkömmliche Denken. Es handelte sich um eine mentale Revolution, einen Weckruf an die Gesellschaft, dass junge Armenier Verantwortung übernehmen.

lizenzbild“#ElectricYerevan: Die von der Jugend angeführte Revolution in Armenien” – Ein Artikel von Grigor Yeritsyan ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.


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“Es ist keine Frage von Zeit oder Geld” – Ein Interview zur Flüchtlingssituation in Ungarn

Ein Interview mit Éva Tóthné Pfaff geführt von Martin Hofmann, Mitte August 2015

Éva Tóthné Pfaff (59) lebt in Pécs einer Mittelstadt im Süden Ungarns. Pécs liegt etwa 60 Kilometer nördlich von der ungarisch-kroatischen und westlich von der ungarisch-serbischen Grenze. Die ehemalige Controllerin ist mittlerweile im Ruhestand. Sie engagiert sich ehrenamtlich im Vorstand des Vereins kultúrAktív, der sich mit baukultureller Bildung beschäftigt und ein Partner von MitOst ist.

Du bist seit nicht allzu langer Zeit Rentnerin. Wie verbringst du deinen Ruhestand?
Zum einen bin ich viel in unserem Haus beschäftigt. Wir haben einen Garten, den ich sehr mag, und da gibt es immer etwas zu tun. Also Haus- und Gartenarbeit zum einen. Ich mag es aber auch sehr in Gemeinschaft zu sein und etwas zu tun. Zum Beispiel bin ich aktiv im Pécser Lions Club, einer Wohltätigkeitsorganisation. Der Club gehört zu einer weltweiten Bewegung und wir organisieren verschiedene Aktivitäten. In unserem Vereinshaus betreiben wir zum Beispiel eine Unterkunft für Eltern, deren Kinder auf der Onkologie der hiesigen Kinderklinik behandelt werden. Außerdem bieten wir eine Nachmittagsbetreuung für Kinder an.

Was konkret bekommst du in Pécs von den Flüchtlingen auf der sogenannten Westbalkanroute mit?
Pécs liegt ja nicht direkt an der Grenze zu Serbien?
Nein, die Stelle an der serbischen Grenze, die nun immer in den Medien ist, liegt noch einmal 200 Kilometer von uns entfernt. Leider bekommen wir das alles aber auch hier in Pécs mit. Das ist sehr interessant, denn die Flüchtlinge kommen eigentlich über Serbien nach Ungarn und nicht über unsere Ecke, die näher an Kroatien ist. Aber seit einiger Zeit, vielleicht seit anderthalb Monaten, wird ein Teil der Flüchtlinge von Szeged zunächst einmal nach Pécs transportiert. Nach Szeged kommen sie direkt nach dem Grenzübertritt und zur Registrierung dann nach Pécs. Diese Fahrt müssen sie in von außen verschlossenen Waggons verbringen. In Pécs sind sie einige Stunden bis zu einem ganzen Tag. In der Regel kommen sie in den frühen Morgenstunden an und irgendwann gegen Nachmittag fährt der Zug dann weiter. Wenn die Registrierung hier in Pécs durchgeführt wurde, geht es für sie zunächst einmal weiter in Richtung Budapest.

Warst du auch selbst am Bahnhof und kannst die Situation vor Ort beschreiben?
Wie geht es den Menschen dort und was passiert mit ihnen?
Ja, ich war vor Ort. Sie müssen auf dem Platz neben dem Bahnhof mehrere Stunden warten. Die Menschen sitzen dort und warten darauf registriert zu werden. Dies allerdings ohne zu wissen, was nun eigentlich genau passiert. Das müsste ihnen, in einer ihnen verständlichen Sprache von offizieller Seite eigentlich kommuniziert werden. Glücklicherweise gibt es aber eine Menge Freiwillige, die sich in dieser Situation um die Menschen kümmern und sie mit Wasser und Essen versorgen und sich auch um eine einfache medizinische Betreuung kümmern. Die Versorgungslage von Seiten der Behörden ist schlecht. Wir hatten in den letzten Wochen häufig Temperaturen um die 40 Grad, und es gab keinen Sonnenschutz oder Schatten auf dem Platz. Jetzt im Sommer ist es noch nicht so ein großes Problem, dass es eigentlich keinen richtigen Aufenthaltsraum gibt, in dem sich die Flüchtlinge aufhalten können während sie warten. Das Bahnhofsgebäude selbst wird gerade renoviert, so dass die Flüchtlinge auf dem Platz neben dem Bahnhof und in einem Park warten müssen. Die Helfer haben ein Zelt aufgebaut, in dem sie auch Kleidung und Spielzeug vorrätig haben.

Wie viele Personen sind da, die sich um die Flüchtlinge kümmern?
Zunächst muss man sagen, dass es sich bei den Helfern nur um Privatpersonen handelt. In der Regel sind um die zehn Leute vor Ort. Es sind meist fünf bis sechs ältere freiwillige Helfer und es gibt natürlich auch jüngere Helfer, Studenten zum Beispiel. Es gibt auch immer freiwillige Helfer die im Gesundheitswesen arbeiten: Ärzte und Sanitäter, von denen sind immer zwei oder drei dabei. Ich konnte in der letzten Woche nicht vorbei gehen, aber bevor jetzt die große Welle kam, kümmerten sie sich um etwa 50 bis 60 Personen täglich. Ich habe allerdings auch gehört, dass eine der beteiligten Zivilorganisationen kurz davor steht aufzugeben, vor allem, weil sie keinerlei Unterstützung vom Staat oder den Behörden erhalten.

Um wen handelt es sich dabei genau? Wer hilft?
Es ist ein sehr gut organisiertes Netzwerk von größeren und kleineren Initiativen und Vereinen. Vor allem wird diese Arbeit aber von vielen Individuen getragen, die sich einbringen. Sie sprechen sich unkompliziert ab und leisten Hilfe, wo und wie sie gerade gebraucht wird. Das ist das Ermutigende an der Situation: Noch nie haben in unserem Land Zivilorganisationen in so kurzer Zeit ein so gut funktionierendes Netzwerk aufgebaut. Und sie schaffen es, mit einem gemeinsamen Ziel, zu kooperieren. Das ist nicht nur bei uns hier in Pécs so, sondern in ganz Ungarn. Von den großen bekannten Organisationen ist das Rote Kreuz die einzige, die diese Arbeit unterstützt, zumindest soweit ich das für Pécs einschätzen kann.

Was hast du in dieser Situation getan?
Unser Lions Haus liegt direkt gegenüber, man kann von dort alles sehen kann. Ich gehe öfter rüber, helfe und bringe Sachen vorbei. Die Hilfe ist so gut organisiert, dass es eigentlich an nichts Grundlegendem fehlt. Immer wenn ich Zeit habe, gehe ich zum Bahnhof und frage die Helfer was in diesem Moment akut benötigt wird, und dann besorge ich es. Das kann Wasser sein, Spielzeug für die Kinder oder auch Medikamente und Verbandsmaterial. Nicht wenige Flüchtlinge haben aufgrund der langen Fußmärsche, Verletzungen an Beinen und Füßen.

Wie ist die Einstellung der ungarischen Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen?
Leider ist es so, dass die Medien doch einen großen Einfluss auf viele Leute haben. Und in den Medien hier wird unglaublich negativ über die Flüchtlinge berichtet. Bei vielen Menschen ist es so, dass sie die Statements der Medien übernehmen ohne wirklich darüber nachzudenken. Und auf der anderen Seite gibt es dann natürlich auch die vielen Menschen, die helfen. Zum Beispiel die ganzen Freiwilligen. Aber generell habe ich den Eindruck, dass ein Großteil der Ungarn die negative Berichterstattung der Medien übernimmt.

Hast du eine besonderes Erlebnis, dass du uns weitergeben kannst?
Ja, wie ich schon gesagt habe, ist es beeindruckend zu sehen wie hilfsbereit doch viele Menschen in unserer Stadt sind. Einmal sagte mir einer der Koordinatoren, dass Verbandsmaterial benötigt werde. Ich ging also in die Apotheke um Mullbinden zu kaufen. Dabei erzählte ich der Apothekerin, dass ich sie für die Versorgung der Flüchtlinge am Bahnhof benötige. Sie fand das so gut, dass sie mir die Binden umsonst überlassen hat und mir auch noch sämtliche Reste mitgab, die sie in der Apotheke finden konnte. Es freut mich, dass so vielen Menschen helfen und es so oft positive Rückmeldung gibt.

In den internationalen Medien wird häufig eher negativ über den Haltung der ungarischen Behörden und Menschen gegenüber Flüchtlingen bereichtet? Wieso denkst du, ist in Pécs so eine große Hilfsbereitschaft zu beobachten?
Pécs ist die Hauptstadt des Komitats¹ Branau, von dem seit 1921 ein Teil in Kroatien und einer in Serbien liegt. Durch den kleinen Grenzverkehr hatten wir auch zu Zeiten des Kommunismus zahlreiche Kontakte zu den Menschen in diesem Gebiet. Der Pécser Markt war in dieser Zeit berühmt und hatte überregionale Bedeutung. Und einige kamen auch zu den in der Nähe gelegenen Heilbädern. Viele knüpften dauerhafte Kontakte und Freundschaften, sogar Eheschließungen über die Grenzen hinweg kamen vor. Auch traditionell gab es viele gemischt-nationale Familien. Mit Beginn des Jugoslawienkrieges wurden die Grenzen geschlossen und vieles veränderte sich. Auch Menschen aus demselben Dorf, die bislang friedlich zusammen lebten, begannen sich zu bekämpfen. In der Folge flohen viele Menschen illegal über die dann schon geschlossene Grenze nach Pécs. Viele Familien in Pécs haben in dieser Zeit kroatische und auch serbische Flüchtlinge aufgenommen. Ein Freund ließ eine kroatische Familie, die er kannte, drei Jahre in seinem Ferienhaus wohnen. Ein anderer Freund nahm mit seiner Familie einen jungen Kroaten auf, der in die serbische Armee eingezogen werden sollte und deswegen floh. Er lebte insgesamt sechs Jahre bei ihnen. Ich denke, deswegen sind die Menschen in Pécs vielleicht etwas offener gegenüber Flüchtlingen als in anderen Teilen Ungarns.

Warum hilfst Du ganz persönlich?
Ich denke, dass jeder da helfen sollte, wo Hilfe gebraucht wird. Man muss sich das ja mal vor Augen führen: diese Menschen sind schon mehrere Monate unterwegs, wenn sie zu uns kommen. Da sind Familien mit kleinen Kindern. Ich bin davon überzeugt: Jeder, der diese Menschen einmal wirklich gesehen hat und über ihre Situation nachgedacht hat, wird anfangen zu helfen. Es ist ja nur eine kleine Sache, die ich mache, aber ich glaube, wenn ich helfen kann, dann soll ich auch helfen.

Manche sagen, sie hätten keine Zeit oder kein Geld, um zu helfen. Was würdest du diesen Personen antworten?
Ich denke, das ist keine Fragen von Zeit oder Geld, sondern einfach eine Frage der Menschlichkeit.

Vielen Dank für das Interview!

¹ Bezeichnung für die regionalen Verwaltungseinheiten Ungarns.

lizenzbild“Es ist keine Frage von Zeit oder Geld” – Ein Interview zur Flüchtlingssituation in Ungarn von Martin Hofmann (MitOst e.V.) ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.