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Kreativkreis und Bonanza – über kulturelle und sprachliche Grenzen hinweg | Deutschland

Die meisten Flüchtlinge haben Skandinavien und Deutschland als Ziel. Wie sieht die Situation aus, nachdem sie die Erstaufnahmeeinrichtungen verlassen haben? Wie leben Deutsche aktive Bürgerschaft, um ihnen bei der Integration zu helfen und welche Erfahrungen machen sie damit? Martin Hofmann hat eine ehrenamtliche Helferin in Griesheim dazu interviewt. Anne wohnt in Griesheim, einer Kleinstadt im Rhein-Main-Gebiet in der Nähe von Darmstadt.

Guten Morgen! Was sollten unsere Leser über dich wissen?
Ich heiße Anne und lebe in Griesheim, wo ich auch aufgewachsen bin. Meine Mutter ist Amerikanerin, mein Vater ist Deutscher. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Von Beruf bin ich Lehrerin an einem Gymnasium. Dort unterrichte ich Englisch, meine Muttersprache, und Religion, meine Herzensangelegenheit, da ich schon seit meiner Kindheit in der evangelischen Kirche aktiv bin.

Neben deiner Arbeit und deiner Familie leitest du auch ehrenamtlich einen Kreativkreis für Frauen, die gerade nach Deutschland geflohen sind. Wie bist du dazu gekommen?
Zum einen bin ich selbst gerne kreativ, zum anderen habe ich immer wieder beobachtet, dass Frauen überall auf der Welt Freude daran haben gemeinsam Handarbeiten zu machen. Dabei sitzen sie zusammen und schwätzen. In Italien gibt es sogar ein Wort für eine Klöppelspitze, die heißt chiacchierata und das bedeutet „Geschwätz“. Das gemeinsame Handarbeiten ist offenbar ein Konzept, das um den ganzen Globus funktioniert.

Ich habe mich dann gefragt, ob ich so etwas auch für die Frauen unter den Flüchtlingen in Griesheim anbieten kann. Denn der Großteil der Geflüchteten hier sind Männer und für sie gibt es Angebote wie Fußball, Fahrrad fahren usw..
Für die Frauen gab es nichts. Und so entstand die Idee, gemeinsam mit anderen Frauen, die auch gerne Handarbeit machen und die etwas für die Flüchtlinge tun wollen, einen Kreativkreis zu initiieren. Wir haben uns gesagt: „Wir machen einen Kreis, wo wir einfach das tun, was Frauen auf der ganzen Welt sowieso schon machen. Wir laden diese Frauen ein und machen zusammen Handarbeit.“

Und wie wurde diese Idee angenommen?
Sehr gut. Das Material, inklusive Nähmaschine haben wir erstaunlicherweise sofort gespendet bekommen. Am Ende wurde so viel gespendet, dass die Lagerung zur Herausforderung wurde. Seit dem finden die Treffen alle zwei Wochen in unserer Kirchengemeinde statt. Den Ort haben wir sehr bewusst gewählt, wir wollten ein Zeichen der Kirchen setzen – wir sind ein Anlaufpunkt für Menschen und setzen uns für sie ein.

Wir laden nur Frauen ein, weil die meisten von ihnen aus Kulturen stammen, in denen Frauen und Männer im Alltag stark getrennt sind. Wir schaffen damit einen sicheren Raum und es herrscht untereinander eine Vertrautheit, die sonst nicht so leicht entstehen würde – trotz Sprachbarrieren. Zum Kreativkreis kommen auch Mütter, die teilweise ihre Kinder mitbringen. Sie sind uns besonders wichtig. Wir wollen ihnen zwei Stunden alle vierzehn Tage bieten können, in denen sie etwas für sich machen können, ohne sich ständig um ihre Kinder zu kümmern.

Ab und zu bekommen wir auch Besuch von einem Mann, der Schneider in Afghanistan war, doch sobald er dabei ist sind die Gespräche ganz andere und auch die Frauen verhalten sich anders.

Der Kreativkreis war zuerst als Projekt bis zum Sommer geplant. Es hat dann so einen Anklang gefunden, dass wir es zum festen Programmbestandteil gemacht haben. Unser Team ist übrigens ökumenisch, es arbeiten also Frauen aus der katholischen, der evangelischen Kirche und der Freikirchen zusammen. Und das funktioniert sehr gut.

Wie kann man sich so ein Treffen im Kreativkreis denn vorstellen?
Wir sind insgesamt sieben Frauen in unserem Team. Wir bereiten alles vor und fahren auch zu der Flüchtlingsunterkunft und holen die Frauen dort ab. Manche finden noch nicht den Weg zu uns und andere brauchen den persönlichen Kontakt als Motivation. Das ist ein relativ großer logistischer Aufwand, den wir aber gerne betreiben damit die Frauen zu uns kommen.
Mein zehnjähriger Sohn kocht Tee für die Frauen. Diese Aufgabe ist ihm sehr, sehr wichtig weil er so das Gefühl hat, dass er auch etwas tun kann. Er bekommt durch die täglichen Nachrichten mit, wie schlecht es vielen Flüchtlingen geht.
Zu Beginn des Kreativkreises singen wir immer gemeinsam. Mit Hilfe von Bildern stellen wir uns danach den neuen Frauen in der Gruppe vor und warum wir diesen Kreis anbieten. Wir erzählen auch unsere Beweggründe, als Frauen und als Christinnen mit verschiedenen Hintergründen.

Und dann geht es los. Die Frauen fangen an zu nähen, zu basteln, zu stricken, zu schneidern.

Bei unseren Treffen stoßen wir auf beiden Seiten immer wieder auf kulturellen Ungewöhnlichkeiten. Für die Frauen ist es ungewöhnlich, dass wir immer zur verabredeten Uhrzeit beginnen, auch wenn oft noch Frauen später hinzukommen. Für uns ist es ungewöhnlich, dass im Schnitt bestimmt fünf Stücke Zucker in einer Teetasse laden, weshalb mein Sohn zu Tee und Gebäck immer eine riesige Schüssel mit Zucker auf den Tisch stellt.


Arbeitet ihr gemeinsam an Projekten oder macht jede Frau, worauf sie Lust hat?
Wir finden es wichtig, dass wir etwas gemeinsam machen. Bei jedem Treffen haben wir ein bestimmtes Projekt. Wir nähen ein Schlüsselband, ein Lavendelsäckchen, einen Handtuchturban, eine Dokumentenmappe oder wir basteln Schultüten für Flüchtlingskinder. Wir erklären das Projekt zu Beginn und zeigen auf Bildern, wie es funktioniert und dann machen wir das zusammen. Und dann setzen wir es gemeinsam um. Einigen Frauen müssen wir gar nicht helfen, andere brauchen dagegen sehr viel Hilfe, weil sie beispielsweise zum ersten Mal eine Schere in den Händen halten.

Du hast vorhin Sprachbarrieren erwähnt. Wie verständigt ihr euch mit den Frauen und auch die Frauen untereinander? Wie funktioniert die Kommunikation bei euren Treffen?
Wir versuchen so gut es geht miteinander ins Gespräch zu kommen. Auch hier ist es ganz unterschiedlich: Einige Frauen sprechen schon ein wenig Deutsch, andere sprechen Englisch. In der Regel funktioniert es ganz gut, wenn auch manchmal über „Umwege“ und in Gruppen. Wir haben ein Sprachtandem mit einer Frau aus Eritrea und einer Frau aus Somalia, die sich auf Italienisch miteinander unterhalten. Die Eritreerin hat sechs Jahre in Italien gelebt bevor sie nach Deutschland kam. Und die Frau aus Somalia war drei Jahre lang in einem Flüchtlingslager in Kalabrien in Süditalien. Das ist sehr wertvoll, weil es für uns die einzige Möglichkeit ist, mit der Eritreerin zu sprechen, sie kann weder Deutsch noch Englisch. Ich spreche glücklicherweise einigermaßen gut Italienisch und kann mich so mit ihr unterhalten.

Worüber unterhaltet ihr euch?
Wir unterhalten uns wenig über ganz persönliche Themen. Wir fragen ganz bewusst nicht nach der Flucht, wir wollen dass die Frauen nur darüber reden, wenn sie es von sich aus möchten. Natürlich fragen wir sie trotzdem, wie es ihnen geht, fragen nach ihren Kindern, wie die Unterkunft ist und wie es mit den Behörden läuft.

Und es ergeben sich natürlich typische Gespräche. Die Frauen bemerken, dass eine von uns Diät hält und fragen „Du dünner?“. „Ja, ich habe fünf Kilo abgenommen“, und dann fragen die Frauen „Wie du machen? Sport und keine Schokolade?“. Das sind offenbar ganz universale Themen, genauso wie beispielsweise Kinder und Schwangerschaft. Fast jede hat eine Geschichte beizutragen und erzählt mit Händen und Füßen. Erst vor kurzem hatten wir eine lustige Begebenheit: Das Handy einer Deutschen aus unserem Team klingelte und spielte dabei die Bonanza-Melodie. Alle Frauen fingen an zu lachen und sagten: „Oh, Bonanza.“ Und auf einmal gab es da etwas, das uns verband, weil wir es alle kannten. Selbst so etwas Banales wie Bonanza kann eine gemeinsame Basis schaffen. Irgendwie funktioniert das also immer mit der Kommunikation.

Selbst die Frauen aus Eritrea oder Afghanistan kannten Bonanza?
Ja natürlich, auch sie kannten Bonanza.

Wie viele Frauen kommen zum Kreativkreis?
Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal sind es dreizehn Frauen und manchmal nur fünf. Die Gruppe verändert sich, einige kommen öfter und wir kennen ihre Namen, andere Frauen sind schon abgeschoben worden.

Wie viele Flüchtlinge sind momentan in Griesheim?
In der Unterkunft leben im Moment 180 Personen. Soweit ich weiß, sind 80 % von ihnen Männer. Von den Flüchtlingen haben viele, die bleiben dürfen inzwischen auch eine eigene Wohnung. So sind es bestimmt insgesamt über 200 Flüchtlinge, die in Griesheim leben. Und Griesheim hat 30.000 Einwohner.

Ihr macht diese Arbeit ja ganz bewusst als Frauen aus den verschiedenen christlichen Kirchen. Kannst du sagen, wie sich die deutschen Kirchen zur Flüchtlingssituation äußern?
So viel bekommen wir nicht mit. Bei uns in der Gemeinde besteht große Bereitschaft Flüchtlingen zu helfen. Ich weiß, dass der Arbeitskreis Asyl in Griesheim sagt, ohne die Unterstützung des ökumenischen Helferkreises hätten sie große Probleme. Für unsere Arbeit im Kreativkreis bekommen wir einen finanziellen Zuschuss von der evangelischen Kirche, weil wir ökumenische arbeiten und uns für Flüchtlinge einsetzen.

Von der katholischen Kirche weiß ich, dass Papst Franziskus dazu aufgefordert hat, dass jede katholische Kirchengemeinde eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen soll. Und er praktiziert das auch selbst, zwei Flüchtlingsfamilien haben nun ein Zuhause im Umfeld der zwei Kirchen des Vatikans gefunden.

Und wie reagieren die Menschen in Griesheim auf die ankommenden Flüchtlinge?
Da schlagen bei den meisten zwei Seelen in einer Brust, zum einen sagen sie „Natürlich müssen wir ihnen helfen!“ Viele bringen dabei auch eigene oder familiäre Erfahrungen von der Flucht nach dem zweiten Weltkrieg mit. Zum anderen gibt es aber Ängste vor behördlichen Hürden. Es gibt Ängste vor den Differenzen der kulturellen Hintergründe, gerade im Hinblick auf die vielen männlichen Flüchtlinge. Und viele sind verunsichert, weil der größte Anteil der Flüchtlinge muslimisch ist. Diese Ängste spüre ich auch manchmal in mir, und sie sollten klar benannt werden, so dass sie mich nicht von meinem Einsatz für die Frauen abhalten.

In Deutschland leben ja schon länger Muslime zum Beispiel aus der Türkei oder auch aus dem Balkan. Warum denkst du, kommt nun trotzdem diese Angst auf, obwohl man im Alltag den Kontakt ja eigentlich schon gewohnt ist?
Ich denke, einerseits über die Medien. Andererseits hatten wir in unserer Gegend teils sehr aggressive missionarische Einsätze von Salafisten auf großen öffentlichen Plätzen und das ist eine Sache, die man im Auge behalten sollte.

Deine Mutter ist Amerikanerin, gibt es in deiner Familie sonst noch Erfahrungen mit Migration oder Flucht?
Ja, mein Vater musste 1945 mit seiner Familie aus dem Osten in den Westen Deutschlands fliehen. Er weiß, wie es ist seine Heimat verlassen zu müssen. Und auch meine Mutter kann gut nachvollziehen, wie es ist, nach Deutschland zu kommen – die Sprache nicht zu sprechen und die Menschen nicht verstehen zu können.

Zum Schluss: Was sind deine schönsten Momente im Kreativkreis?
Ich freue mich jedes Mal, wenn eine der Frauen eine Bastelei fertig hat. Wenn ich das sehe, gehe ich hin und halte es hoch und sage zum Beispiel: „Eine Stofftasche ist fertig.“ Und dann ist es mittlerweile Tradition, dass der ganze Raum applaudiert. Das ist eine Sprache, die versteht jeder.

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“Es ist keine Frage von Zeit oder Geld” – Ein Interview zur Flüchtlingssituation in Ungarn

Ein Interview mit Éva Tóthné Pfaff geführt von Martin Hofmann, Mitte August 2015

Éva Tóthné Pfaff (59) lebt in Pécs einer Mittelstadt im Süden Ungarns. Pécs liegt etwa 60 Kilometer nördlich von der ungarisch-kroatischen und westlich von der ungarisch-serbischen Grenze. Die ehemalige Controllerin ist mittlerweile im Ruhestand. Sie engagiert sich ehrenamtlich im Vorstand des Vereins kultúrAktív, der sich mit baukultureller Bildung beschäftigt und ein Partner von MitOst ist.

Du bist seit nicht allzu langer Zeit Rentnerin. Wie verbringst du deinen Ruhestand?
Zum einen bin ich viel in unserem Haus beschäftigt. Wir haben einen Garten, den ich sehr mag, und da gibt es immer etwas zu tun. Also Haus- und Gartenarbeit zum einen. Ich mag es aber auch sehr in Gemeinschaft zu sein und etwas zu tun. Zum Beispiel bin ich aktiv im Pécser Lions Club, einer Wohltätigkeitsorganisation. Der Club gehört zu einer weltweiten Bewegung und wir organisieren verschiedene Aktivitäten. In unserem Vereinshaus betreiben wir zum Beispiel eine Unterkunft für Eltern, deren Kinder auf der Onkologie der hiesigen Kinderklinik behandelt werden. Außerdem bieten wir eine Nachmittagsbetreuung für Kinder an.

Was konkret bekommst du in Pécs von den Flüchtlingen auf der sogenannten Westbalkanroute mit?
Pécs liegt ja nicht direkt an der Grenze zu Serbien?
Nein, die Stelle an der serbischen Grenze, die nun immer in den Medien ist, liegt noch einmal 200 Kilometer von uns entfernt. Leider bekommen wir das alles aber auch hier in Pécs mit. Das ist sehr interessant, denn die Flüchtlinge kommen eigentlich über Serbien nach Ungarn und nicht über unsere Ecke, die näher an Kroatien ist. Aber seit einiger Zeit, vielleicht seit anderthalb Monaten, wird ein Teil der Flüchtlinge von Szeged zunächst einmal nach Pécs transportiert. Nach Szeged kommen sie direkt nach dem Grenzübertritt und zur Registrierung dann nach Pécs. Diese Fahrt müssen sie in von außen verschlossenen Waggons verbringen. In Pécs sind sie einige Stunden bis zu einem ganzen Tag. In der Regel kommen sie in den frühen Morgenstunden an und irgendwann gegen Nachmittag fährt der Zug dann weiter. Wenn die Registrierung hier in Pécs durchgeführt wurde, geht es für sie zunächst einmal weiter in Richtung Budapest.

Warst du auch selbst am Bahnhof und kannst die Situation vor Ort beschreiben?
Wie geht es den Menschen dort und was passiert mit ihnen?
Ja, ich war vor Ort. Sie müssen auf dem Platz neben dem Bahnhof mehrere Stunden warten. Die Menschen sitzen dort und warten darauf registriert zu werden. Dies allerdings ohne zu wissen, was nun eigentlich genau passiert. Das müsste ihnen, in einer ihnen verständlichen Sprache von offizieller Seite eigentlich kommuniziert werden. Glücklicherweise gibt es aber eine Menge Freiwillige, die sich in dieser Situation um die Menschen kümmern und sie mit Wasser und Essen versorgen und sich auch um eine einfache medizinische Betreuung kümmern. Die Versorgungslage von Seiten der Behörden ist schlecht. Wir hatten in den letzten Wochen häufig Temperaturen um die 40 Grad, und es gab keinen Sonnenschutz oder Schatten auf dem Platz. Jetzt im Sommer ist es noch nicht so ein großes Problem, dass es eigentlich keinen richtigen Aufenthaltsraum gibt, in dem sich die Flüchtlinge aufhalten können während sie warten. Das Bahnhofsgebäude selbst wird gerade renoviert, so dass die Flüchtlinge auf dem Platz neben dem Bahnhof und in einem Park warten müssen. Die Helfer haben ein Zelt aufgebaut, in dem sie auch Kleidung und Spielzeug vorrätig haben.

Wie viele Personen sind da, die sich um die Flüchtlinge kümmern?
Zunächst muss man sagen, dass es sich bei den Helfern nur um Privatpersonen handelt. In der Regel sind um die zehn Leute vor Ort. Es sind meist fünf bis sechs ältere freiwillige Helfer und es gibt natürlich auch jüngere Helfer, Studenten zum Beispiel. Es gibt auch immer freiwillige Helfer die im Gesundheitswesen arbeiten: Ärzte und Sanitäter, von denen sind immer zwei oder drei dabei. Ich konnte in der letzten Woche nicht vorbei gehen, aber bevor jetzt die große Welle kam, kümmerten sie sich um etwa 50 bis 60 Personen täglich. Ich habe allerdings auch gehört, dass eine der beteiligten Zivilorganisationen kurz davor steht aufzugeben, vor allem, weil sie keinerlei Unterstützung vom Staat oder den Behörden erhalten.

Um wen handelt es sich dabei genau? Wer hilft?
Es ist ein sehr gut organisiertes Netzwerk von größeren und kleineren Initiativen und Vereinen. Vor allem wird diese Arbeit aber von vielen Individuen getragen, die sich einbringen. Sie sprechen sich unkompliziert ab und leisten Hilfe, wo und wie sie gerade gebraucht wird. Das ist das Ermutigende an der Situation: Noch nie haben in unserem Land Zivilorganisationen in so kurzer Zeit ein so gut funktionierendes Netzwerk aufgebaut. Und sie schaffen es, mit einem gemeinsamen Ziel, zu kooperieren. Das ist nicht nur bei uns hier in Pécs so, sondern in ganz Ungarn. Von den großen bekannten Organisationen ist das Rote Kreuz die einzige, die diese Arbeit unterstützt, zumindest soweit ich das für Pécs einschätzen kann.

Was hast du in dieser Situation getan?
Unser Lions Haus liegt direkt gegenüber, man kann von dort alles sehen kann. Ich gehe öfter rüber, helfe und bringe Sachen vorbei. Die Hilfe ist so gut organisiert, dass es eigentlich an nichts Grundlegendem fehlt. Immer wenn ich Zeit habe, gehe ich zum Bahnhof und frage die Helfer was in diesem Moment akut benötigt wird, und dann besorge ich es. Das kann Wasser sein, Spielzeug für die Kinder oder auch Medikamente und Verbandsmaterial. Nicht wenige Flüchtlinge haben aufgrund der langen Fußmärsche, Verletzungen an Beinen und Füßen.

Wie ist die Einstellung der ungarischen Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen?
Leider ist es so, dass die Medien doch einen großen Einfluss auf viele Leute haben. Und in den Medien hier wird unglaublich negativ über die Flüchtlinge berichtet. Bei vielen Menschen ist es so, dass sie die Statements der Medien übernehmen ohne wirklich darüber nachzudenken. Und auf der anderen Seite gibt es dann natürlich auch die vielen Menschen, die helfen. Zum Beispiel die ganzen Freiwilligen. Aber generell habe ich den Eindruck, dass ein Großteil der Ungarn die negative Berichterstattung der Medien übernimmt.

Hast du eine besonderes Erlebnis, dass du uns weitergeben kannst?
Ja, wie ich schon gesagt habe, ist es beeindruckend zu sehen wie hilfsbereit doch viele Menschen in unserer Stadt sind. Einmal sagte mir einer der Koordinatoren, dass Verbandsmaterial benötigt werde. Ich ging also in die Apotheke um Mullbinden zu kaufen. Dabei erzählte ich der Apothekerin, dass ich sie für die Versorgung der Flüchtlinge am Bahnhof benötige. Sie fand das so gut, dass sie mir die Binden umsonst überlassen hat und mir auch noch sämtliche Reste mitgab, die sie in der Apotheke finden konnte. Es freut mich, dass so vielen Menschen helfen und es so oft positive Rückmeldung gibt.

In den internationalen Medien wird häufig eher negativ über den Haltung der ungarischen Behörden und Menschen gegenüber Flüchtlingen bereichtet? Wieso denkst du, ist in Pécs so eine große Hilfsbereitschaft zu beobachten?
Pécs ist die Hauptstadt des Komitats¹ Branau, von dem seit 1921 ein Teil in Kroatien und einer in Serbien liegt. Durch den kleinen Grenzverkehr hatten wir auch zu Zeiten des Kommunismus zahlreiche Kontakte zu den Menschen in diesem Gebiet. Der Pécser Markt war in dieser Zeit berühmt und hatte überregionale Bedeutung. Und einige kamen auch zu den in der Nähe gelegenen Heilbädern. Viele knüpften dauerhafte Kontakte und Freundschaften, sogar Eheschließungen über die Grenzen hinweg kamen vor. Auch traditionell gab es viele gemischt-nationale Familien. Mit Beginn des Jugoslawienkrieges wurden die Grenzen geschlossen und vieles veränderte sich. Auch Menschen aus demselben Dorf, die bislang friedlich zusammen lebten, begannen sich zu bekämpfen. In der Folge flohen viele Menschen illegal über die dann schon geschlossene Grenze nach Pécs. Viele Familien in Pécs haben in dieser Zeit kroatische und auch serbische Flüchtlinge aufgenommen. Ein Freund ließ eine kroatische Familie, die er kannte, drei Jahre in seinem Ferienhaus wohnen. Ein anderer Freund nahm mit seiner Familie einen jungen Kroaten auf, der in die serbische Armee eingezogen werden sollte und deswegen floh. Er lebte insgesamt sechs Jahre bei ihnen. Ich denke, deswegen sind die Menschen in Pécs vielleicht etwas offener gegenüber Flüchtlingen als in anderen Teilen Ungarns.

Warum hilfst Du ganz persönlich?
Ich denke, dass jeder da helfen sollte, wo Hilfe gebraucht wird. Man muss sich das ja mal vor Augen führen: diese Menschen sind schon mehrere Monate unterwegs, wenn sie zu uns kommen. Da sind Familien mit kleinen Kindern. Ich bin davon überzeugt: Jeder, der diese Menschen einmal wirklich gesehen hat und über ihre Situation nachgedacht hat, wird anfangen zu helfen. Es ist ja nur eine kleine Sache, die ich mache, aber ich glaube, wenn ich helfen kann, dann soll ich auch helfen.

Manche sagen, sie hätten keine Zeit oder kein Geld, um zu helfen. Was würdest du diesen Personen antworten?
Ich denke, das ist keine Fragen von Zeit oder Geld, sondern einfach eine Frage der Menschlichkeit.

Vielen Dank für das Interview!

¹ Bezeichnung für die regionalen Verwaltungseinheiten Ungarns.

lizenzbild“Es ist keine Frage von Zeit oder Geld” – Ein Interview zur Flüchtlingssituation in Ungarn von Martin Hofmann (MitOst e.V.) ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.