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Die andere Seite | Griechenland

Ein Artikel von Steffi Gläser. Die Autorin besuchte Athen im Rahmen der MitReise vom 30. Oktober bis zum 4. November 2015.

„Wenn man heute über Europa spricht, dann muss man über Griechenland sprechen. Hier kristallisieren sich die drängendsten Probleme der EU heraus: Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Vertrauenskrise.“ So ähnlich hat es Julia gesagt, die Sankt Petersburgerin, die wir zufällig im Zentrum Athens treffen. Genau darüber wollen wir sprechen, und zwar nicht am heimeligen Kneipentisch in Deutschland, sondern direkt in Athen, mit Athenern.

Eingeladen hat uns Loukas, ein Athener, der auch in Berlin lebt und in Weimar promoviert. Seine Kenntnisse der deutschen Sprache, sein Wissen zur griechischen und deutschen Politik und Geschichte und seine ausgezeichnete Ortskenntnis von Berlin und Athen sind der Schlüssel zu einer Bildungsreise der besonderen Art. Wir erkunden die Arkaden der 50er-Jahre-Häuser, in denen kleinste Spezialgeschäfte ihre Waren anbieten – Schnürsenkel das eine, Türklinken das andere, Schnüre und Bänder das nächste. Viele Geschäfte sind geschlossen, eine Folge der Finanzkrise, aber auch des gewandelten Konsumverhaltens der Bevölkerung, die ebenso gern in modernen Malls und Supermärkten einkaufen geht. Und irgendwo in einer Kelleretage stoßen wir dann auf einen Rest der 2000 Jahre alten Stadtmauer Athens. Ein absurder Kontrast, oder auch einfach Teile einer langen, langen Geschichte.

Die Gegenwart begegnet uns mit Vehemenz wieder an der Metrostation Victoria. Hier ist der Treffpunkt vieler Migranten und Flüchtlinge. Sie warten, debattieren, suchen aus den Tonnen mit gespendeter Kleidung, was sie gebrauchen können. Übernachten können sie beispielsweise im Flüchtlingscamp im Galatsi-Park. Wir besuchen die großen Sporthallen auf dem ehemaligen Olympia-Gelände und sprechen mit Panos, einem Angestellten des Innenministeriums. Aus seinem Mund klingt alles einfach. Alles laufe nach Plan, es gebe keine Konflikte, denn die meisten blieben nur eine Nacht, um dann in andere europäische Staaten weiterzureisen.

Ein etwa achtjähriger Junge spricht uns auf Englisch an. Woher wir kämen, was wir in Griechenland machten. Wir fragen zurück und er antwortet, er komme aus Afghanistan und wolle nach Deutschland. Ein seltsames Gefühl stellt sich bei uns ein. Fliegen wir doch direkt nach Deutschland zurück, und sein Weg ist noch ungewiss. Doch sein Lächeln wischt unsere Scham hinweg und am Ende verbindet das Volleyballspielen doch mehr als alles andere.

Loukas führt uns auch in das antike Athen, auf die Akropolis. Sie steht für die demokratische Tradition des Landes, aber auch für den sich wandelnden Glauben der Menschen, für Kriege und wechselnde Herrschaften. Viele junge Athener wünschten sich jedoch, dass an die Stelle der Akropolis ein zukunftsgewandtes Symbol treten würde, sagt Loukas. Etwas, das den gegenwärtigen Geist der Stadt besser repräsentieren kann.

Einen Vertreter dieses Zeitgeistes treffen wir auf dem Kalliga-Platz. Babis kämpft seit fünf Jahren darum, dass ein Spielplatz, der wegen seines Alters abgebaut werden musste, wieder aufgebaut wird, und er kämpft gegen die Mentalität des „I don’t care“. In seinem Kiez würden Menschen aus verschiedenen Nationen leben, viele von ihnen ohne Arbeit. Ein Spielplatz könnte die Bewohner ins Gespräch bringen, die Gespräche könnten Ängste abbauen, die Gemeinschaft könnte sich gegen Kriminalität wenden, so hofft Babis. Doch erreicht hat er nicht viel, sagt er resigniert, außer, dass er nun weiß, wie das bürokratische System funktioniert. Unermüdlich fordert er, dass die Stadtverwaltung ihrer Verantwortung gerecht wird, ungeachtet von Sparzwängen, Wahlterminen oder Schließzeiten.

Als Scharnierstelle zwischen Bürgern und Administration fungiert die Plattform SynAthina. Wir treffen Maria und Stelios und beginnen zu verstehen, dass Frustration auf beiden Seiten entsteht, wenn zu wenige Informationen über bürokratische Prozesse verfügbar sind. SynAthina vermittelt Anfragen von aktiven Bürgern an die zuständige Stelle in der Verwaltung und macht auf Gesetzeslücken aufmerksam. Zugleich dient sie als Informationsplattform für Bürgerinitiativen. Ein Leuchtturmprojekt der Athener Vize-Bürgermeisterin, bezahlt wird es vom Preisgeld der New Yorker Bloomberg Philanthropies.

Auf der anderen Seite steht Stefania, 27 Jahre alt, aufgewachsen unter anderem in Luxemburg. Sie gründete eine NGO mit Namen PLACE IDENTITY, die zum Ziel hat, Menschen zur Partizipation zu bewegen. Allerdings bewirbt sie sich nicht um Gelder der Regierung, denn sie will unabhängig bleiben. Ihre Projekte haben selbst im SPIEGEL Resonanz gefunden. Wir fragen sie, ob sie so engagiert wäre, wenn es die Finanzkrise nicht gegeben hätte und sie antwortet: No. Dann gäbe es weder Zeit noch die Notwendigkeit, die eigene Lebensumwelt grundlegend umzugestalten. Im Juni musste sie sich und ihre Mitarbeiter entlassen, weil kein Geld mehr vorhanden war. Stefania berichtet, dass viele junge, gut ausgebildete Menschen in zivilgesellschaftlichen Projekten arbeiten, allerdings ohne Bezahlung. Nur durch die Unterstützung der Eltern sei dies möglich.

Was uns bei dieser Reise fasziniert, ist die Freundlichkeit der Menschen, die unkomplizierte Kommunikation auf Englisch in jeder Situation, ob beim Bäcker oder im Taxi. Wir beginnen zu verstehen, welche Rolle Mentalitäten in der EU spielen, und welche Konflikte drohen, wenn der Anspruch auf Deutungshoheit erhoben wird. Wir sprechen viel über die aktuellen Krisen, und es ist ein unschätzbarer Gewinn, dabei die „andere Seite“ mitreden lassen zu können.

Blick über Athen.

In einer Kelleretage stoßen wir auf einen Rest der 2000 Jahre alten Stadtmauer Athens.

In einer Kelleretage stoßen wir auf einen Rest der 2000 Jahre alten Stadtmauer Athens.

Wir treffen Maria und Stelios von SynAthina, einer Plattform, die als Scharnierstelle zwischen Bürgern und Administration fungiert.

Wir treffen Maria und Stelios von SynAthina, einer Plattform, die als Scharnierstelle zwischen Bürgern und Administration fungiert.

LIFE – Athen

LIFE – Athen

Loukas führt uns auch in das antike Athen, auf die Akropolis.

Loukas führt uns auch in das antike Athen, auf die Akropolis.

Babis kämpft seit fünf Jahren darum, dass ein Spielplatz, der wegen seines Alters abgebaut werden musste, wieder aufgebaut wird, und er kämpft gegen die Mentalität des „I don’t care“.

Babis kämpft seit fünf Jahren darum, dass ein Spielplatz, der wegen seines Alters abgebaut werden musste, wieder aufgebaut wird, und er kämpft gegen die Mentalität des „I don’t care“.

MitReise nach Athen.

MitReise nach Athen.

MitReise
MitReisen ist eins von vielen Projekten bei MitOst, das Vernetzung, den interkulturellen Austausch und den Gewinn von Toleranz stärkt. MitOst-Mitglieder zeigen anderen Mitgliedern ihr Land, ihre Stadt, abseits von Touristenströmen und Reiseführern. Die MitReisen werden von Mitgliedern und den Mitarbeitern von MitOst ehrenamtlich organisiert. Alle Details werden mit sehr viel Enthusiasmus und in Verantwortung für die nachhaltige Entwicklung der bereisten Länder geplant und durchgeführt.
Loukas Bartatilas (www.loukasbartatilas.com) lebt in Athen und Berlin. Mit seiner Arbeit erkundet er urbane Kultur durch Interaktionen zwischen Menschen und öffentlichem Raum. Nach seinem Abschluss in “Public Art” an der Bauhaus-Universität Weimar entwickelt er als freier Künstler partizipative künstlerische und soziale Initiativen in vergessenen Räumen.

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The Voice of Civil Society in Armenia

by Diana Chobanya, coordination team of EcoLab

We are living in an increasingly globalized world, where walls are crumbling and falling every day. The fall of barriers between nations exposes us to global diversity and variety. We need to embrace this multiculturalism and human variety in order to keep up with the rest of the global community. Globalization and technical advancements have undoubtedly accelerated and improved the way we vote, protest, learn and live. These developments have led to the strengthening of civil society in almost all parts of the world.

In Armenia, the voice of civil society is becoming louder and more confident, thus contributing to democratic governance, transparency and participatory politics. The unrestricted voice of Armenian civil society can now be heard on the streets of Yerevan, in marzes (regions of Armenia) and all over social media platforms. The vestige of Soviet authoritarian and paternalistic political processes is however unfortunately still evident in Armenia. Its consequence is ruthless and shocking social injustice, and persistent violation of human rights and democratic values resulting in social apathy and emigration.
In the current situation, education and empowerment of the young generation is one of the best recipes for bringing about positive change. In order to be active members of the global community, young people need to be well informed about global challenges, respectful of other cultural and religious practices, and have a decent understanding of their role as change-makers in our society.

RA Ministry of Education and Science introduced a reform called “Education Quality and Relevance” to develop the post-Soviet educational system in newly-independent Armenia. The reform responded to outdated educational standards and textbooks, inconsistencies in assessment, and the predominance of teacher-centred teaching methods (Tovmasyan & Thoma, 2008). In 2000, the RA Ministry of Education and Science decided to amend the state curricula for secondary education by adding “human rights, civic education, and state and law”. Starting with 2001 these “legal block” subjects were taught in secondary school for eighth to tenth grades (Gyulbudaghyan, Petrosyan, Tovmasyan & Zohrabyan, 2007, p. 21).

Studies have shown that civic education is no longer an abstract subject that teachers struggle to comprehend. The Ministry of Education and Science has introduced informative and useful textbook and thematic trainings/seminars for teachers. Nonetheless, the subjects they have introduced fail to equip students with civic skills, emphasizing only the knowledge of rights and responsibilities. The Citizen’s Awareness and Participation in Armenia Survey (IFES, 2003) confirms that young adults (18-25 years old) are not only less interested and involved in politics but also have a lower level of civic participation that those aged 26 and above. It can therefore be concluded that there is a gap in the civic education of the young people in Armenia which consequently leads to low social consciousness and awareness and an even lower level of civic activism.

The Ministry has acknowledged the need for high-quality civic instruction which would fill the gap in civic education in the Armenian context. Nevertheless, it has failed to take adequate measures and, as a result, young Armenians lack civic competencies and skills. Fortunately, the civil sector has taken over and started offering civic trainings, courses and seminars which combine civic “knowledge” with its practical application. These educational measures use synergies from formal and non-formal education to deliver breath-taking content. The hallmark of these courses is that they not only enhance the learners’ knowledge about civil society, but also shape learners’ civic competencies and promote active citizenship and democratic values. EcoLab, the active citizenship project that I coordinate is a vivid illustration of how an NGO project can empower and educate young people more efficiently than the school curriculum on civic education. I myself am a “product” of EcoLab, which provided the civic education that the educational system did not.

Overall, I am hopeful that similar projects, which nurture learners’ civic literacy and emphasize such core concepts as democracy, rights and responsibilities, will be offered more widely. Also, I hope that by that time the Ministry of Education will appreciate both independent and autonomous learning and higher civic participation, and include both in its comprehensive list of educational objectives.

EcoLab
Diana Chobanyan is part of the coordination team of EcoLab. EcoLab empowers young Armenians to change their local community by fostering sustainable development. Participants implement their own projects in small teams in their cities and villages. These projects focus on sustainable local economy, non-formal education and community mobilisation. EcoLab is an cooperation program of Theodor-Heuss-Kolleg. More information on theodor-heuss-kolleg.de.

lizenzbild The Voice of Civil Society in Armenia by Diana Chobanyan (MitOst e.V.) ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.